Zunehmend smarter: Zahlungsverkehr in der Digitalisierung

Corona-Pandemie verändert das Bezahlverhalten

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Die Corona-Pandemie hat einen beispiellosen Digitalisierungsschub bewirkt, der auch den Zahlungsverkehr erfasst hat. In der Folge nimmt der Wettbewerb zwischen Banken und neuen Anbietern weiter zu. Europäische Lösungen sind gefragt.

Die Corona-Pandemie verändert das Bezahlverhalten

Die Corona-Pandemie fördert bargeldloses Bezahlen.

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Die Welle an Innovationen, die in den vergangenen Jahren im Bereich Zahlungsverkehr zu beobachten war, hat sich in den letzten Monaten nochmals vergrößert.

Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen:

  • Mit PSD2 wurde eine wichtige Grundlage für Open Banking geschaffen und neuen Anbietern der Markteintritt erleichtert.
  • FinTechs bieten innovative Lösungen sowohl für Bankkunden als auch für die Erneuerung von Prozessen bei den etablierten Instituten an.
  • BigTechs integrieren weitere Finanzdienstleistungen in ihre Plattformen und konkurrieren zunehmend mit Banken.
  • Fast alle deutschen Institute bieten inzwischen SEPA Instant Payments an, mit denen Zahlungen jederzeit in Echtzeit abgewickelt werden können.
  • Digitale Wallets und Biometrie erlauben es, fast mühelos mobil mit dem Smartphone an der Kasse zu bezahlen.

Die Corona-Pandemie hat das enorme Potential dieser Innovationen sichtbar gemacht. Sie hat den Trend hin zu digitalen Zahlungen und Finanzdienstleistungen wesentlich beschleunigt und vielen Lösungen zum Durchbruch verholfen.

Zahlungsverhalten im Wandel

Weltweit nutzen Konsumenten wesentlich häufiger Banking- und Zahlungs-Apps als vor einem Jahr. Auch viele Bevölkerungsgruppen wie zum Beispiel ältere Verbraucher, die bislang nicht als besonders technologie-affin galten, probieren neue digitale Wege aus.

Die Bundesbank führte im Frühjahr 2020 repräsentative Online-Befragungen durch. Im April und Mai gaben hier 45 Prozent beziehungsweise 42 Prozent der Teilnehmer an, dass sie während der Corona-Pandemie ihr Zahlungsverhalten geändert haben, also auf andere Art und Weise bezahlen als zuvor:

  • Im April gaben 89 Prozent, im Mai 87 Prozent der Befragten an, seltener Bargeld zu verwenden.
  • Insgesamt sagten 70 Prozent in beiden Wellen, dass sie häufiger kontaktlos mit der Karte zahlen.
  • Im April berichteten 9 Prozent und im Mai 7 Prozent, dass sie häufiger mobil mit dem Smartphone bezahlen würden.
  • Von denjenigen, die ihr Bezahlverhalten geändert haben, gaben im Mai 2020 73 Prozent an, das geänderte Verhalten auf jeden Fall oder wahrscheinlich beibehalten zu wollen.
  • Von jenen, die im Mai 2020 angaben, häufiger mobil bzw. kontaktlos mit der Karte zu zahlen, wollen 89 Prozent bzw. 77 Prozent der Befragten, dieses auch künftig auf jeden Fall oder wahrscheinlich so tun

Zwar folgen derlei Aussagen nicht zwingend langfristige Verhaltensänderungen. In der Gesamtschau aber scheint zum aktuellen Zeitpunkt die Tendenz in eine eindeutige Richtung zu gehen. Wir erleben einen strukturellen Wandel hin zum digitalen Bezahlen.

Folgen der Digitalisierung im Zahlungsverkehr

Das hat weitreichende Konsequenzen: auf Marktstrukturen und Anbieter, auf Daten-, operationelle und Cybersicherheit – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Denn auch europaweit wird bargeldloses Bezahlen immer beliebter. Hiervon profitieren zunächst die internationalen Kartensysteme.

Nicht nur wurden in den vergangenen Jahren in vielen Ländern die nationalen Kartensysteme eingestellt. Ein wichtiger Treiber ist auch die wachsende Verbreitung digitaler Bezahllösungen der BigTechs. Häufig liegen ApplePay, Google Pay und anderen Wallets eine digitalisierte Karte der internationalen Kartensysteme zugrunde. Eine Ausnahme mit integrierter nationaler Lösung bilden die Sparkassen, die ApplePay auch mit girocard anbieten. Google Pay wiederum erlaubt es beispielsweise, mit PayPal an der Kasse zu bezahlen, wobei wiederum die digitale Karte eines internationalen Kartensystems hinterlegt ist, die letztlich mit dem Bankkonto bedient wird.

Solche „Matroschka-Lösungen“ sind vermutlich mit höheren operationellen Risiken verbunden und bieten mehr Angriffspunkte für Cyberattacken als direkte Konto-zu-Konto-Beziehungen. Zudem erschweren sie eine konsistente Beaufsichtigung. Dazu tragen die vielfältigen Verflechtungen zwischen regulierten Aktivitäten und unreguliertem Geschäft bei, die aber einen Kern dieses Geschäftsmodells darstellen.

Digitale Bezahlfunktionen im Ökosystem

Digitale Bezahlfunktionen sind wertvoll für die Ökosysteme der großen Plattformen von Amazon bis Tencent, dem Betreiber des chinesischen WeChat-Dienstes. Aus ihrer Sicht ergänzt und unterstützt eine nahtlose Integration von Zahlungen hervorragend das Kerngeschäft – vom klassischen Messenger-Dienst und e-commerce, über Taxiruf, Jobsuche und Vereinbarung von Arztterminen bis hin zum Beantragen eines Visums für die USA.

Damit dient das Einbinden von Zahlungsfunktionen in das eigene Ökosystem auch dazu, die eigene Marktmacht weiter zu vergrößern. Dies unterscheidet sie von traditionellen Zahlungsdienstleistern wie Banken, die mit Zahlungsverkehr Geld verdienen wollen und müssen. Für die BigTechs gilt dies nicht zwingend. Sie sind häufig vor allem an den generierten Daten interessiert.

Neue Akteure gewinnen an Bedeutung

Obwohl Banken und Bankkonten weiterhin eine große Rolle spielen, gewinnen die neuen Akteure – BigTechs und internationale Kartensysteme sowie die jeweilige App als digitale Kundenschnittstelle – an Bedeutung für die Kunden. Das beruht auch auf den veränderten Erwartungen der Verbraucher: Zahlungen müssen bequem, sicher und weitgehend in den Kaufprozess integriert sein. Zahlungsmittel müssen in verschiedensten Situationen funktionieren. Oder kurz: Sie müssen nahtlos in diese neuen Ökosysteme passen. Dies gilt nicht nur für Verbraucher, sondern auch für Unternehmen sowie Anwendungen im vernetzten Internet der Dinge.

Außerdem spielen zunehmend FinTechs auf diesem Feld mit. Sie sind in unterschiedlichsten Bereichen der Wertschöpfungskette im Zahlungsverkehr aktiv. Klarna am Frontend im Onlinehandel oder Adyen als Zahlungsabwickler im Hintergrund sind Beispiele dafür. Neo-Banken – wie N26 und Revolut – feiern im eigentlichen Bankgeschäft Erfolge.

Angebote traditioneller Zahlungsdienstleister im Euroraum laufen Gefahr, die Bedürfnisse von Zahlern und Zahlungsempfängern nicht mehr ausreichend zu erfüllen. Wir haben zwar in den vergangenen Jahren einige Innovationen, auch von der traditionellen Kreditwirtschaft, gesehen. Deren Reichweite endet aber häufig an der Ländergrenze, wenn sie überhaupt flächendeckend in dem jeweiligen Land funktionieren. Solche geographisch begrenzten Ansätze haben jedoch mehr und mehr ausgedient.

Suche nach digitalen europäischen Zahlungslösungen

Um den vielfältigen Herausforderungen zu begegnen und den EU-Binnenmarkt im Zahlungsverkehr zu stärken, ist die Entwicklung von schlagkräftigen europaweit verfügbaren Zahlungslösungen für das digitale Zeitalter unerlässlich.

Solche Anwendungen sollten

  • online, an der Ladenkasse und von Person zu Person funktionieren;
  • mit der Karte und digitalen Geräten wie dem Smartphone europaweit einsetzbar sein;
  • europäischer Governance unterliegen; und
  • im Idealfall alle Services in einer Marke bündeln.

Das Eurosystem hat diese Anforderungen an eine solche europäische Zahlungslösung bereits im vergangenen Jahr in seiner Retail Payments Strategy formuliert Erfreulich zu hören ist da, dass sich eine Reihe europäischer Banken zur European Payment Initiative, EPI, zusammengefunden haben, mit dem Ziel, eine solche europäische Lösung zu entwickeln.

Wird es EPI gelingen, eine überzeugende Lösung zu entwickeln, die für kartenbasiertes und digitales Bezahlen in ganz Europa geeignet ist? Derzeit wird die Initiative von Banken aus Belgien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Spanien vorangetrieben. Weitere Institute sollten beitreten, um der Initiative zusätzliches Gewicht zu verleihen.

SEPA Instant Payments als Basis für europäische Zahlungen

Als Basis für die Abwicklung von Zahlungen im Rahmen der europäischen Zahlungslösung eignen sich SEPA Instant Payments. Mit der Möglichkeit, solche Transaktionen zwischen verschiedenen europäischen Abwicklungssystemen über das Eurosystem TARGET Instant Payments System (TIPS) abzuwickeln, hat das Eurosystem eine letzte Lücke für die gesamteuropäische Reichweite von Echtzeitzahlungen geschlossen.

Unter der Schirmherrschaft des European Retail Payments Board, in dem das Eurosystem und Branchenvertreter vertreten sind, arbeitet die Kreditwirtschaft daran, diese noch attraktiver zu machen. So sollen Verbraucher künftig auch an der Kasse „instant“ bezahlen und Unternehmen eine Zahlungsaufforderung, einen sogenannten request-to-pay, damit verbinden können.

Es wird entscheidend darauf ankommen, schnell konkrete Ergebnisse zu erzielen. Denn die Verbraucher werden nur dann auf neue Verfahren wechseln, wenn sie ihnen einen zusätzlichen Nutzen versprechen und über alle Bezahlsituationen hinweg auch verwendet werden können.

Wettbewerb benötigt einen Rahmen

Um die Herausforderungen zu bewältigen, müssen Gesetzgeber sowie Kartell- und Aufsichtsbehörden einen angemessenen Rahmen setzen.

Erste Schritte sind bereits vollzogen:

  • Mit der zehnten Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkung (GWB) können die Kartellbehörden künftig gezielter auf die wachsende Marktmacht von BigTechs reagieren.
  • Mit der im vergangenen Jahr vorgenommenen Anpassung des Zahlungsdiensteaufsichtsgesetzes müssen Anbieter von sogenannten technischen Infrastrukturleistungen, zum Beispiel Smartphone-Hersteller, einen fairen Zugang zu ihren Schnittstellen oder Betriebssystemen zu gewähren.

Nur mit einer gemeinsamen europäischen Vision und Strategie wird es gelingen, den europäischen Zahlungsverkehrsmarkt fit für die Zukunft zu machen. Dieser Rahmen muss in einer Weise in die Zukunft gerichtet sein, dass europäische Zahlungsdienstleister wettbewerbsfähige Anwendungen in Europa und ggf. sogar weltweit aufbauen können.

Europa braucht gemeinsame Vision und Strategie

Das sogenannte „Digital Finance Package“ der EU-Kommission besteht aus einem ganzen Bündel an Maßnahmen für die weitere Digitalisierung im Zahlungsverkehr und von Finanzdienstleistungen. Auf diese Weise soll die digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft zum Nutzen der europäischen Verbraucherinnen und Verbraucher und der Unternehmen unterstützt werden.

Um dieses Ziel zu erreichen, setzt die EU-Kommission zunächst in ihrer Digital Finance Strategy vier Prioritäten:

  1. Reduzierung der Fragmentierung im digitalen Binnenmarkt,
  2. Erleichterung digitaler Innovationen,
  3. Schaffung eines sogenannten europäischen Datenraums, um Finanzdaten leichter zugänglich zu machen sowie
  4. Schnellere Identifizierung und Abschwächung neuer digitaler Risiken.

Der zweite große Komplex des Digital Finance Package sind Zahlungsdienste. Da sie unter den digitalen Finanzdienstleistungen eine Schlüsselposition einnehmen, formuliert die EU-Kommission hierfür eine eigene Strategie. Sie umfasst die vier wesentlichen Bereiche: Echtzeitzahlungen, Open Finance und Infrastruktur sowie die Verlinkung von Echtzeit-Systemen für effiziente internationale Zahlungen.

Die Kommission sieht SEPA Instant Payments als das „new normal“. Die Bundesbank findet den dafür vorgezeichneten Weg richtig. Denn nur so können wir im Zahlungsverkehr eine einheitliche wettbewerbsfähige Basis erreichen, auf der privatwirtschaftliche Initiativen ihre europaweiten Lösungen aufbauen können. Neben dem rechtlichen Rahmen soll auch die technische Infrastruktur verbessert werden, um Instant Payments für Nutzer attraktiv zu machen.

Explizit begrüßt das Papier diesbezüglich die bereits genannten Arbeiten des European Retail Payments Board zur Interoperabilität von solchen Lösungen an der Kasse und im e-Commerce. Zudem greift sie die Idee des Zahlungsdiensteaufsichtsgesetzes für einen diskriminierungsfreien, fairen Zugang zu notwendigen technischen Infrastrukturen auf.

Open Finance kann zudem als Fortentwicklung von Open Banking in Verbindung mit den elektronischen Identitäten und einer angepassten Aufsicht für das Zahlungsverkehrs-Ökosystem helfen, zukunftsträchtige, innovative und wettbewerbsfähige Finanzdienstleistungen für Europa zu entwickeln.

Bundesbank unterstützt Digitalisierung des Zahlungsverkehrs

Die Bundesbank unterstützt die Bestrebungen der EU-Kommission wie auch der deutschen Ratspräsidentschaft bei der Digitalisierung des Zahlungsverkehrs umfassend. Der Beitrag des Gesetzgebers ist wesentlich, um gleiche Wettbewerbsbedingungen zwischen allen Anbietern zu schaffen.

Es ist jedoch Aufgabe des Privatsektors, die Rahmenbedingungen mit Leben zu füllen und in die langfristige Entwicklung europäischer Zahlungslösungen zu investieren. Das Ziel der deutschen Kreditwirtschaft ihre verschiedenen Produkte unter einer gemeinsamen Marke für alle Bezahlsituationen – online, stationärer Handel, Smartphone, Person-to-Person – zusammenführen ist dazu ein sehr sinnvoller Schritt.

Über den Autor

Burkhard Balz

Burkhard Balz ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, zuständig für die Bereiche Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme sowie Ökonomische Bildung, Hochschule und Internationaler Zentralbankdialog. Der gelernte Bankkaufmann und Jurist war lange Zeit im Firmenkundengeschäft der Commerzbank tätig und von 2009 bis 2018 Mitglied des Europäischen Parlaments.

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