Traumjob Bedenkenträger

Woran Digitalprojekte in Banken scheitern können

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Was tun, wenn der Vorstand ein Leuchtturmprojekt zur Digitalisierung beschlossen hat? „Alle Beteiligten ins Boot holen und loslegen“ wäre die normale Antwort. Wenn da nur nicht diese Bedenkenträger wären…

In vielen Banken und Sparkassen gibt es Bedenkenträger

Nicht selten versuchen Bedenkenträger Projekte auf subtile Art zum Scheitern zu bringen.

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Bingo!“, schallte es durch den Raum und alle Köpfe drehten sich in Richtung des Glücklichen.

„Ich habe das Bedenkenträger-Bingo gewonnen! Darf ich jetzt gehen?“, fragte Alex, der Digitalisierungsexperte der IT ganz unverblümt und erntete für seinen Vorstoß die neidischen Blicke der übrigen Teilnehmer dieses Meetings.

„Nö!“ Die Antwort des Chefs kam postwendend und knallhart, auch wenn es schon gegen zehn Uhr abends ging.

Doch wie konnte es zu dieser Entgleisung kommen?

Ein paar Stunden zuvor

Nervös blickte Jens auf die digitale Uhr, die mahnend ihre Information in das gut gefüllte Besprechungszimmer strahlte.

Es war fast 15 Uhr. Ein Freitag. Vielleicht der Grund, warum der eine oder andere Teilnehmer diese Besprechung lieber abgesagt hätte. Aber wenn der Chief Digital Officer zum Gedankenaustausch bittet…

Jens hatte eine erstaunliche Karriere in der Bank hinter sich. Er war der sprichwörtliche Feuerwehrmann, der immer dann gerufen wurde, wenn die Situation außer Kontrolle zu geraten drohte.

Ein Projekt in Schieflage? Ruft doch mal einer den Jens!

Eine Deadline, die nicht mehr einzuhalten ist? Lasst doch mal Jens ran!

Ja, er hatte schon ein, zwei Mal den Karren aus dem Dreck gezogen, wie man so schön sagt. Dabei war Jens kein Tausendsassa, sondern hatte einfach nur eine äußerst positive Herangehensweise an die Probleme, vor die er gestellt wurde.

Leuchtturmprojekt zur Digitalisierung

Nun war es wieder soweit: als der Vorstand das vierte Leuchtturmprojekt in drei Jahren zur Digitalisierung ins Leben rief, waren sich auch die Zauderer im Top-Management klar, dass diesmal Jens die Leitung übernehmen muss. Zu hart waren die ambitionierten Visionen von einer umfassend digitalen Bank an der Wirklichkeit des Tagesgeschäftes gescheitert.

Jens Vorgehensweise dazu war recht simpel: für die erfolgreiche Umsetzung eines Projektes muss man in Organisationen jene Personen ausfindig machen, die eine aufgeschlossene, positive Herangehensweise haben und jene vermeiden, die eine grundsätzlich negative Einstellung zu Herausforderungen in sich tragen.

Leichter gesagt als getan, wenn just Key-Player vom Bedenkenträgerbazillus infiziert sind.

Die Terminwahl war ein Geniestreich

Es war Freitag, noch dazu späterer Nachmittag. Diese virtuose Terminfestlegung würde dafür sorgen, dass alle Teilnehmer voll bei der Sache sind, um möglichst rasch in das wohlverdiente Wochenende entschwinden zu können. Kleiner, aber nicht unwesentlicher Nebeneffekt: einer der schwergewichtigsten Bedenkenträger der Bank war dafür bekannt, die Freitage als Arbeitstage eher kurz zu halten. Ziemlich sehr kurz, um genau zu sein.

Also blickte Jens nochmals auf die Digitaluhr des Besprechungsraumes, genau als diese die Zeitangabe auf exakt 15 Uhr änderte.

Hatte er es geschafft? Hatte Jens sein „Wir schaffen das“ Team ohne die bankbekannten Bremser versammeln können? Es sah so aus.

Geschmeidig ging Jens in Richtung Whiteboard, um die Anwesenden zu begrüßen und seine Präsentation zu starten, als er plötzlich schwere Schritte draußen am Gang näherkommen hörte.

„Geht vorbei, liebe Schritte! Bittebittebitte!“, dachte Jens, doch mit der Gnadenlosigkeit einer unliebsamen Jahreszeit öffnete sich die Türe und herein kam – mit einem süffisanten Lächeln auf den schmalen Lippen – Manfred, der Workflow-Experte der Bank und begnadeter Bedenkenträger.

Man konnte fast physisch spüren, wie die Hoffnung auf einen erfolgreichen Ausgang des Meetings im Raum etwas schwand.

Doch Herausforderungen sind dazu da, um gemeistert zu werden.

Jens legte also mit seiner kurzen und prägnanten Präsentation über die Notwendigkeit einer raschen Implementierung digitaler Workflows los.

Schon gegen 17 Uhr machte sich erste Nervosität breit, als Manfred seine gefühlt hundertste Frage zur gewählten Vorgehensweise stellte.

Digitalisierung – Herausforderung und Chance

Ja, der Titel der Präsentation „Digitalisierung – Herausforderung und Chance“ war gewagt und ja, die Schriftgröße hätte etwas größer sein können – zwecks besserer Lesbarkeit. Ja, der Vorstand war voll informiert und auch die Compliance war – natürlich – voll eingebunden.

Jens war klar, dass all die kurzen Querschläge von Manfred nur die Ouvertüre eines virtuosen Bedenkenträgers waren. Nichts desto trotz unterband Jens den grundsätzliche Diskurs, ob die Digitalisierung tatsächlich auch im Bankenumfeld Einzug halten würde oder doch nur ein Hype wäre, und schritt mutig zur zweiten Folie seiner Präsentation. Er wollte den Hauch von Optimismus, den die restlichen Sitzungsteilnehmer noch in sich trugen, retten.

„Hmmm!“, meinte Manfred angesichts der Folie 2 bedenkenschwer und starrte auf das Organigramm der Bank, auf dem all jene Bereiche farbig gekennzeichnet waren, die an diesem Projekt mitarbeiten sollten.

„Ein farbiges Diagramm? Das haben wir ja noch nie so gemacht!“, knurrte er vorwurfsvoll und schenkte dem unfreundlichen Raunen der Kollegenschaft keine Beachtung.

Die üblichen Totschlagsargumente

Doch Jens, ein glühender Verfechter der Naturwissenschaften wusste: im Universum geht keine Energie verloren. So sagt der Energieerhaltungssatz jedenfalls. Also fuhr er mit seiner Einleitung munter fort.

Man mag gar nicht glauben, welche Auswirkungen No-Brainer wie:

  • Das haben wir immer schon so gemacht,
  • Das geht doch gar nicht,
  • Das haben wir ja gar nicht im Budget,
  • Die anderen machen das aber auch nicht,
  • Das ist nicht meine Zuständigkeit oder
  • Das bringt doch nichts

auf die Energie von Sitzungsteilnehmer haben. Einige dieser Kolleginnen und Kollegen hätten an diesem Abend stante pede eine Professur der Physik an jeder Universität antreten können, denn sie hatten die verheerenden Auswirkungen eines energieverzehrenden Schwarzen Loches quasi am eigenen Leib erlebt und die Prozesse dieses Naturphänomens verstanden.

Bedenkenträger-Bingo

Erst gegen 22 Uhr, kurz nach Präsentation der Folie 3, als Alex aufsprang und „Bingo“ rief, war Jens klar, dass er sich diesmal geschlagen geben musste.

Auch seine Physikkurse an der Volkshochschule, die er mit Leidenschaft besuchte, würde er aufgeben und sich stattdessen verstärkt der Esoterik zuwenden. Irgendjemand musste mit seinen Thesen ja Recht haben, seine Zweifel an den Naturwissenschaften waren jetzt zumindest elementar.

Und was den Start des Digitalprojektes der Bank betraf: dieser musste bis zum nächsten Freitagnachmittag warten.

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Über den Autor

Michel Lemont

Michel Lemont ist seit mehr als 35 Jahren in Bankenwesen tätig. Er war in verschiedenen Bereichen der Finanzindustrie tätig, unter anderem im Vertrieb, im Marketing und zuletzt im Umfeld des Zahlungsverkehrs. In seinen Aufgabenbereich fallen unter anderem regulatorische Themen, das Management von Zahlungsverkehrs-Infrastrukturen sowie die Arbeit in nationalen und internationalen Gremien im Bereich Payments. Ein besonderes Anliegen sind ihm Innovationen im Bankenbereich und das "Querdenken". Michel Lemont ist Autor des Buches „Bankers have more fun“ und betrachtet das Bankwesen gerne von der humoristischen Seite. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter.

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