Eine Heuschrecke auf der Suche nach grüner Finanzindustrie

Plädoyer für radikale Finanzwende mit einfachen aber harten Regeln

Die Finanzkrise war ein Schlüsselerlebnis und sollte zum Umdenken führen. Um die verloren gegangene Balance zwischen Privatinteressen und Gemeinwohl wieder herzustellen, ist eine Finanzwende erforderlich. Banken müssen nachhaltiger agieren.

Nachhaltigkeit im Banking

Plädoyer für eine Finanzwende und für mehr Nachhaltigkeit im Banking.

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Ich komme aus der Finanzwirtschaft. Ich war im Top Management eines der größten Private Equity Fonds in Europa. Ich war sozusagen eine der größten Heuschrecken in Deutschland. Ich habe vor der Finanzkrise den irrsinnigen Überschwang der Finanzindustrie miterlebt, in der Finanzkrise existentielle Panik und nach der Krise – fassungslos – die gleichen Spekulationsblasen, die gleichen Boni, so, als wäre nichts geschehen.

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Rettung der Heuschrecken

Und dann haben Merkel und Steinbrück die Hypo Real Estate gerettet. Und zwar nicht nur die Bank, sondern sogar deren Aktionäre. Und das waren keine Kleinanleger, das waren Hegdefonds, denen die Regierung ein Milliardengeschenk gemacht hat. 392 Milliarden Euro Steuergelder hat die Bundesregierung nur für die Rettung deutscher Banken riskiert. Das hat den Grundstein für den Erfolg der Populisten in Deutschland bereitet. Nicht auszudenken, wie die Wahlergebnisse aussehen, wenn noch einmal eine solche Rettungsaktion erforderlich würde.

Deshalb habe ich damals meinen Job als Manager an den Nagel gehängt und arbeite seitdem für eine Finanzwende: eine nachhaltige, stabile und verbraucherfreundliche Finanzindustrie.

Umdenken erforderlich!

Die Finanzlobby versucht uns glauben zu machen, dass nur die Banken in den Krisenländern Europas Probleme hätten. Es ist zwar richtig, dass nur in Spanien und Italien im letzten Jahr große Banken Pleite gegangen sind oder mit Steuergeldern gerettet werden mussten. Das heißt aber nicht, dass es deutschen Banken oder Versicherungsunternehmen gut ginge. Die Deutsche Bank macht Jahr für Jahr Milliardenverluste und die deutschen Lebensversicherer und Pensionsfonds rufen seit langem um staatliche Hilfe, weil sie mit den niedrigen Zinsen und hohen Garantieversprechen nicht klar kommen.

Es muss also etwas geschehen: zum einen brauchen wir ein Umdenken bei der Regulierung und zum anderen müssen wir auch grundsätzlicher über die Finanzindustrie nachdenken.

Neue Formen der Regulierung

Beim Stichwort Regulierung springen alle Leser, die Banker sind, wahrscheinlich aus dem Fenster oder kündigen ihr Bank-Blog Abonnement. Doch ich kann Sie beruhigen. Ich bin Aufsichtsrat einer kleinen Bank mit knapp 10 Milliarden Bilanzsumme. Ich weiß, wie sehr die über 30.000 Seiten neue Regulierung seit der Finanzkrise Banken in Bürokratie ersticken.

Wir brauchen daher eine ganz andere Form der Regulierung. Wir brauchen wesentlich einfachere aber dafür deutlich härtere Regeln. In unserem Buch Finanzwende haben wir dies ausführlich ausgeführt. Wenn Banken zum Beispiel 10% Eigenkapital auf ihre ungewichtetes Geschäftsvolumen einsetzen würden, könnte man auf sehr viele detaillierte Prozessvorschriften und Berichtspflichten verzichten. Oder wenn es einen Bürgerfonds, sprich einen staatlichen Pensionsfonds wie in Schweden gäbe, über den wir alle für unsere private oder betriebliche kapitalgedeckte Altersvorsorge sparen könnten, bräuchten wir die Lebensversicherer nicht mit Solvency II zu Tode quälen.

Mehr Einfachheit

Einfache aber harte Regeln sind extrem wichtig. Mit der derzeitigen Form der Regulierung können große Banken vielleicht leben, weil sie mit ihren Heerscharen teurer Berater und hypertrophen Compliance Abteilungen immer wieder so große Schlupflöcher finden, dass sie die Regeln weitgehend aushebeln können. Kleine Banken aber werden komplett erschlagen. Fast möchte man meinen, die von den Großbanken dominierte Bankenlobby habe sich die Komplexität der Regulierung ausgedacht, damit sie sich die lästige Konkurrenz kleiner Banken und vor allem junger FinTechs vom Leibe halten kann.

Einfachere Regeln sind aber auch aus demokratischer Sicht unerlässlich. Banken und Versicherer gaukeln uns immer wieder vor, die Finanzindustrie sei so fürchterlich komplex, dass sie kein normaler Mensch verstehen könne. Das ist gelinde gesagt völliger Humbug. Die Finanzindustrie ist nicht komplexer als andere Industrien. Nur ihre Regulierung ist vollkommen unverständlich. Auch hier fragt man sich, ob das Methode hat. Schließlich kann man so neue Regeln leicht als alternativlos darstellen, weil noch nicht einmal die Abgeordneten im Finanzausschuss des Bundestages verstehen, worüber sie abstimmen.

Wer spekuliert, soll dafür gerade stehen!

Zu den einfacheren aber härteren Regel gehört auch das Thema Haftung. Wer mit eigenem Geld spekuliert, geht anders mit Risiko um, als wer dafür geliehenes Geld benutzt, vor allem, wenn man auch noch glaubt, too big to fail zu sein. Es ist wohl kein Zufall, dass Goldman Sachs die Krise besser überstanden hat als Lehman Brothers. Goldman hatte bis kurz vor der Krise noch eine die Rechtsform einer Partnerschaft. Das heißt die Top Manager waren gleichzeitig Eigentümer und hafteten persönlich für die Verbindlichkeiten der Bank. Die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft verbunden mit dem Börsengang erfolgte erst 1999. Lehman hingegen hat schon 1984 die Partnerschaft aufgegeben und wahrscheinlich auch deswegen eine andere Risikokultur.

Weniger Liquidität

Neben einfachen und harten Regeln ist es auch wichtig, an die Quelle der Instabilität zu gehen. Seit langem gibt es viel zu viel Liquidität im Markt, die verzweifelt nach Rendite sucht. Manche machen dafür die EZB verantwortlich. Es ist zwar richtig, dass die EZB mit ihrem quantitative easing die Märkte mit Liquidität flutet. Doch die EZB ist trotzdem der falsche Adressat für die Kritik. Sie ist verpflichtet für Preisstabilität zu sorgen. Das ist aber in Zeiten fiskalischer Austerität eine Sisyphos-Aufgabe. Außerdem wird die Inflation nur wieder auf 2% ansteigen, wenn die Löhne ausreichend steigen. Wer sich also über niedrige Zinsen aufregt, sollte die Austeritätspolitik kritisieren und die Lohnzurückhaltung der Tarifpartner, aber nicht die EZB.

Außerdem handelt es sich bei der überbordenden Liquidität um ein makroökonomisches Problem. Ben Bernancke, der langjährige Chef der US-Zentralbank spricht von einer savings glut, einer Sparschwemme. Im Verhältnis zu dem hohen Sparvolumen weltweit wird einfach zu wenig investiert. Wenn es für das viele Kapital aber keine lohnenden Investitionen in der Realwirtschaft gibt, ist die Kreditnachfrage zu gering, machen die Banken nicht ausreichend Gewinne und es bleibt zu viel Geld für spekulative Zwecke in der Finanzwirtschaft und führt zu neuen Blasen. Die Politik muss daher für mehr Investitionen sorgen. Das können staatliche Investitionen in Infrastrukturausbau sein oder auch private Zukunftsinvestitionen.

Klima und Finanzindustrie

Angesichts der drohenden Klimakatastrophe gibt es definitiv genug zu tun. Wenn wir die Erwärmung auf zwei Grad begrenzen, müssen wir unsere Wirtschaften drastisch umstellen. Das geht nur mit großen Investitionen. Und hier werden Klima und Finanzindustrie plötzlich zu Partnern. Diese Investitionen sind nur mit einer wirklich starken Finanzindustrie zu stemmen. Und gleichzeitig ergibt sich durch diese hohen Investitionen endlich wieder ein wirklich nennenswertes Kreditwachstum und rentable Anlagemöglichkeiten. Die Klimawende und eine starke Finanzindustrie bedingen sich also gegenseitig.

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Über den Autor

Udo Philipp

Udo Philipp ist Aufsichtsrat bei Triodos, Europas führender Nachhaltigkeitsbank, und bei oekom research, Deutschlands führender Nachhaltigkeitsratingagentur. Er ist Vorstand beim gemeinnützigen Institut für Finanzdienstleistungen e.V. (iff), das sich für mehr Verbraucherschutz im Finanzmarkt einsetzt und Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Wirtschaft und Finanzen von Bündnis 90/Die Grünen. Udo Philipp ist zusammen mit Sven Giegold und Gerhard Schick Co-Autor des Buches Finanzwende und bloggt unter www.wirtschaftverpflichtet.de.

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