Wie die grüne Transformation der Wirtschaft gelingen kann

Herausforderungen und Perspektiven für ein nachhaltiges Deutschland

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Die deutsche Wirtschaft bewegt sich aktuell in einem Umfeld vielfältiger Herausforderungen. Trotz aller Unwägbarkeiten gilt es, die ökologische Transformation entschlossen weiter zu verfolgen.

Grüne Transformation der deutschen Wirtschaft

Auch in schwierigem wirtschaftlichem Umfeld gilt es, die grüne Transformation der Wirtschaft voranzutreiben.

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Die Inflation im Euroraum – und auch in Deutschland – geht erkennbar zurück, ist aber noch immer zu hoch. Unsere Wirtschaft ist so eng mit der Weltwirtschaft verflochten wie kaum eine andere. Das schafft Chancen, aber auch Abhängigkeiten – sowohl auf der Angebotsseite als auch auf der Nachfrageseite. So trifft zum Beispiel eine schwächelnde Konjunktur in China wichtige Industriezweige hierzulande unmittelbar. Auch die Wettbewerbssituation verändert sich. Im Bereich der Elektromobilität haben sich asiatische Hersteller zu einem starken Wettbewerber der deutschen Automobilindustrie entwickelt. Auch bei wichtigen Vorprodukten für erneuerbare Energien – wie Solarmodulen und Windturbinen – können asiatische Unternehmen punkten.

Drei Feststellungen zu den Rahmenbedingungen der Transformation

Vor diesem Hintergrund drei grundsätzliche Anmerkungen:

  1. Wir befinden uns in einem Umfeld multipler Herausforderungen, die sich gegenseitig verstärken. Die Herausforderungen für die Wirtschaft lassen sich anhand von vier Ds zusammenfassen: Dekarbonisierung, demografischer Wandel, Digitalisierung und De-Risking im Hinblick auf einseitige Handelsbeziehungen. Die deutsche Wirtschaft steht damit unter erheblichem Anpassungsdruck, der aber nicht unlösbar scheint.
  2. Die Politik setzt die Rahmenbedingungen, wobei angemessene CO2-Preise das deutlichste Signal zur nachhaltigen Transformation senden. Sie schaffen Anreize für Märkte und Unternehmen rasch umzusteuern.
  3. Auch die Zentralbanken leisten ihren Beitrag: Indem sie sich für stabile Preise einsetzen, tragen sie entscheidend zu einem positiven Investitionsklima bei.

Lösungsansätze für den Standort Deutschland

Für den Standort Deutschland sind die Herausforderungen und deren Interdependenzen beträchtlich, aber es gibt Lösungsansätze. Wichtig ist, Unsicherheiten über klare Anreize zu reduzieren. So können sich Industrie und Gesellschaft besser auf Veränderungen einstellen – und auch längerfristig planen und investieren.

Was die deutschen Unternehmen betrifft, so stimmt mich besonders die enorme Anpassungsfähigkeit unserer Wirtschaft positiv. Zu Zeiten der D-Mark beispielsweise entstand durch die harte Währung Anpassungsdruck für hiesige Unternehmen. Um auf den Weltmärkten konkurrenzfähig zu sein, war die exportorientierte Industrie angehalten, besser und innovativer zu sein als die Konkurrenz. Es kamen hochwertige Produkte “made in Germany“ auf den Markt.

Heute ist es weniger der Wechselkurs, der die preisliche Wettbewerbsfähigkeit herausfordert. Energiekosten stehen dafür besonders im Fokus.
Umfragen der Bundesbank legen nahe, dass mehr als zwei Drittel der Industrieunternehmen bereits in eine effizientere Nutzung von Energie investieren. Das Gros der Unternehmen hat die Zeichen der Zeit also längst erkannt.

Laut OECD ist zum Beispiel die deutsche Automobilindustrie im internationalen Vergleich führend bei „grünen“ Patenten. Bei den Patentanmeldungen nimmt Deutschland allgemein seit vielen Jahren einen globalen Spitzenplatz ein. Jetzt gilt es, diese Ideen und Patente zur Marktreife zu bringen und sie auch erfolgreich umzusetzen.

Die Transformation bietet Zukunftsbranchen Raum zu wachsen. Nischen mit großem Potential tun sich auf. Veränderungsbereite, innovative Unternehmen gewinnen an Bedeutung – auch und insbesondere im starken Mittelstand.

Pfade der grünen Transformation

Dabei gibt es nicht den einen, gesicherten Pfad der grünen Transformation. Verschiedene Pfade sind denkbar – sowohl hinsichtlich der CO2-Emissionen also auch hinsichtlich der getroffenen politischen Maßnahmen. Auch deshalb werden Klimaszenarien und Simulationen zunehmend wichtiger für Zentralbanken und Regulierer. Entscheidend ist, welche Maßnahmen getroffen werden, um dem Klimawandel zu begegnen. Wie wirkt sich beispielsweise ein „Weiter so“ auf CO2-Emissionen aus? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Inflation und Wirtschaftswachstum?

Auswirkungen des Klimawandels auf die Wirtschaft

Das Network for Greening the Financial System (NGFS) – ein globales Netzwerk von über 130 Zentralbanken und Aufsehern – leistet wichtige Arbeit in diesem Zusammenhang, indem es global die Auswirkungen des Klimawandels auf die Wirtschaft analysiert.

Ab Januar 2024 werde ich den Vorsitz des NGFS übernehmen. Die Bundesbank wird hier eine große Aufgabe von internationaler Bedeutung übernehmen. Unser Zentralbanken-Netzwerk arbeitet kontinuierlich an Klimaszenarien und stellt diese der Öffentlichkeit zur Verfügung.

„Nicht handeln“ ist keine Option

Unsere Szenarien zeigen: Nicht zu handeln, wird teuer – und zwar sowohl für den sogenannten globalen Süden als auch für den globalen Norden. Die großen gesamtwirtschaftlichen Belastungen lassen sich aber mit einem geordneten Übergang und den passenden Rahmenbedingungen deutlich abfedern. Dabei werden die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen früh und gezielt gesetzt, so dass Real- und Finanzwirtschaft Zeit haben, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Geschäftsmodelle, Produkte, Lieferketten und vieles mehr passen sich an die neue Realität an.

Geordnet bedeutet, dass rasch stringente Maßnahmen ergriffen werden, um CO2-Emissionen einzudämmen, die aber gleichzeitig ökonomisch tragbar für die Wirtschaftsteilnehmer sind. Nicht zuletzt dürfte bei einem geordneten Übergang auch der Preisdruck niedriger ausfallen.

Dies alles muss rechtzeitig erfolgen. Die verbleibende Zeit, den Pfad für einen geordneten Übergang zu bereiten, beträgt keine zehn Jahre mehr.

Zentralbanken haben nicht das Mandat zur Klimapolitik, sondern Regierungen. Der wertvollste Beitrag der Geldpolitik sind stabile Preise. Sie schaffen Planungssicherheit für Unternehmen, Haushalte und Investoren. Nicht zuletzt können CO2-Preise in einem Umfeld niedriger Inflation ihre Lenkungswirkung am besten entfalten – und diese Lenkungswirkung ist entscheidend für das Gelingen der Transformation.

Finanzierung der grünen Transformation

Selbst im günstigsten Szenario sind die erforderlichen Investitionen für die grüne Transformation enorm. Die Europäische Kommission rechnet für die EU auf dem Weg zur Klimaneutralität mit Investitionsanstrengungen von über 600 Milliarden Euro pro Jahr bis 2030. Für Deutschland veranschlagt die KfW notwendige Investitionen in Höhe von rund 190 Milliarden Euro pro Jahr.

Trotz dieses Kraftakts werden sich diese Investitionen längerfristig auszahlen. Schon heute ist die Stromerzeugung aus Wind und Solar kostengünstiger als aus fossilen Brennstoffen.

Gut ein Drittel der erforderlichen Investitionen dürften auf sogenannte Mehrinvestitionen entfallen. Diese Mehrinvestitionen entstehen etwa dann, wenn nun der relativ teurere E-Transporter angeschafft wird.

Aber auch Unternehmen, die ihre Produktion aufgrund regulatorischer Anforderungen anders aufstellen müssen oder Unternehmen, die etwa im Bereich Green Tech erfolgreich sein wollen, müssen sich finanzieren.

Finanzierung der grünen Transformation ist überwiegend eine private Aufgabe

Die öffentliche Hand kann vereinzelt Anreize schaffen für Verbraucher und Unternehmer – durch zielgerichtete Förderprogramme, Kreditgarantien oder Steueranreize. Die staatlichen Mittel sind jedoch knapp, denn die gesellschaftlichen Herausforderungen sind zahlreich. Die genannten vier Ds sowie das aktuelle Umfeld setzen den fiskalischen Möglichkeiten klare Grenzen.

Folglich müssen die erforderlichen finanziellen Mittel zur grünen Transformation im Wesentlichen privat aufgebracht werden. Die Innenfinanzierung aus Gewinnen, Abschreibungen und Rückstellungen funktioniert für große Teile der Industrie nach wie vor gut. Große Unternehmen können zusätzlich auf den Kapitalmarkt zurückgreifen, um geplante Transformationsprojekte umzusetzen. Diese Möglichkeiten stehen dem Mittelstand und jungen Start-ups nicht im gleichen Umfang zur Verfügung. Hier ist der Zugang zu anderen Finanzierungsquellen deshalb umso wichtiger.

Die Rolle von Banken und Kapitalmarkt

Das Bankensystem ist nach wie vor zentrale Säule der Fremdfinanzierung in Deutschland – insbesondere für den Mittelstand. Geschäftsbanken sind regional gut vernetzt und stehen großen und kleinen Unternehmen als Finanzierungspartner zur Verfügung.

Wichtige Transformationsprojekte haben aber oft einen langfristigen Horizont. Die Risiken sind zum Teil hoch, die hinterlegten Kreditsicherheiten häufiger immaterieller Natur, etwa Patente oder Urheberrechte. All das sind Eigenschaften, die die Transformationsfinanzierung vom klassischen Firmenkundengeschäft durchaus unterscheiden.

Ein breit aufgestellter Finanzsektor hilft, die Lasten der Transformationsfinanzierung auf mehrere Schultern zu verteilen. Neben den klassischen Instrumenten braucht es daher eine Weiterentwicklung des Kapitalmarkts.

Ein tiefer Kapitalmarkt in Ergänzung zu einem gesunden Bankensektor schafft Vorteile: zum einen, Risiken im System besser zu verteilen, und zum anderen, die erforderlichen Investitionsmittel rascher aufzubringen.

Verbriefungen als Brücke zwischen Bankenfinanzierung und Kapitalmarkt

Verbriefungen sind ein wichtiges Entwicklungsfeld, um die Rolle von Kapitalmärkten zu stärken. Verbriefungen ermöglichen es Banken, Kreditforderungen zu verkaufen und dadurch wieder mehr Raum zu bekommen für Finanzierungen in Innovationen und Transformationsprojekte. Ganz grundsätzlich sind Verbriefungen ein nützliches Instrument, um illiquide Kredite zu bündeln, Risiken aufzuteilen und über den Kapitalmarkt zu refinanzieren.

Verbriefungen in Europa sind mittlerweile transparent strukturiert und risikoadäquat reguliert. Die Lehren aus der Finanzkrise wurden gezogen und müssen stets im Bewusstsein bleiben.

Es ist wichtig, dass die regulatorischen Vorgaben die Stabilität des Finanzsystems im Blick haben – und gleichzeitig keine unnötigen bürokratischen Hürden aufstellen. Denn das Interesse an diesem Instrument nimmt zu. Der Markt für eigenkapitalentlastende Verbriefungen wächst. Auch die EU-Kommission räumt Verbriefungen als Kapitalmarktinstrument eine wichtige Rolle ein. Sie schaffen Freiraum in den Bilanzen der Banken und können so die Möglichkeiten zur Kreditvergabe erweitern. Durch eine Wiederbelebung dieser Instrumente könnten überdies Kapitalmärkte in Europa stärker zusammenwachsen.

Ausbau der Wagniskapitalfinanzierung

Ein weiterer wichtiger Baustein für die Finanzierung der Transformation ist das sogenannte Wagniskapital.

Im Vergleich zum außereuropäischen Ausland ist der Markt für Venture Capital in Deutschland noch ausbaufähig. Dabei braucht es noch mehr Mut, Start-ups als die Wachstumsmotoren von morgen zu fördern.

Vielversprechende Ansätze sind beispielsweise regionale Innovation Hubs, die zwischen Wissenschaft, jungen Unternehmen und Kapitalgebern vermitteln.

Finanzplatz als wichtige Stütze für eine erfolgreiche Transformation

Transformation findet in der Realwirtschaft statt. Je rascher und effizienter Kapital in die Wachstumsprojekte von morgen gelangt, desto eher kann der Strukturwandel gelingen.

Ein starker Finanzplatz Deutschland ist daher eine wichtige Stütze für eine erfolgreiche Transformation. Deutschland hat das Zeug dazu, bei der Finanzierung der grünen Transformation an der Spitze zu stehen. Ein Beispiel ist der Markt für die sogenannten grünen Anleihen, über den sich ökologische Projekte finanzieren lassen. Hier ist Deutschland bereits heute global vorne dabei.

Grüne Transformation bietet Chancen

Die grüne Transformation ist eine große Chance für Deutschland und sie kann gelingen. Dreh- und Angelpunkt ist die Finanzierung des enormen Kapitalbedarfs. Das Finanzsystem stellt sich im Strukturwandel als Dienstleister für die Realwirtschaft dar. Letztendlich geht es darum, Strukturen für ein nachhaltiges Wachstum zu schaffen – und so zukünftigen Wohlstand zu sichern.

Aber es geht auch um Veränderungsbereitschaft und Risikobereitschaft. Unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft haben genau das in der Vergangenheit bewiesen.

Über den Autor

Dr. Sabine Mauderer

Dr. Sabine Mauderer ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, zuständig für die Bereiche Märkte und Personal.

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