Mittelstand hat kein Interesse an Crowdlending

Konkurrenz für Banken bleibt aus

Crowdlending sollte einer der Speerspitzen der Disruption des Bankenmarktes werden. Doch der Erfolg bleibt aus. Insbesondere mittelständische Unternehmen setzen weiter auf Banken und Sparkassen.

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Crowdlending sollte eine ernsthafte Bedrohung für die etablierten Banken und Sparkassen werden. So zumindest der Plan einiger FinTechs in diesem Bereich. Hohe Wachstumsraten wurden dem Segment prophezeit. Neben privaten Peer-to-Peer-Krediten wurde vor allem bei der Finanzierung von kleinen und mittelständischen Unternehmen ein großes Potenzial gesehen. Doch während Crowdfunding wächst und interessante Finanzierungsmöglichkeiten bietet, kann sich Crowdlending im Mittelstandbereich bislang nicht durchsetzen.

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Deloitte und das Europäische Kompetenzzentrum für Mittelstandsforschung der Universität Bamberg (EFAM) haben nach 2015 erneut rund 250 Mittelständler zum Thema Crowdlending befragt und das Segment genauer unter die Lupe genommen. Damals war Crowdlending kein ernst zu nehmender Konkurrent für den klassischen Bankenkredit, vor allem, da es bei Unternehmenslenkern noch recht unbekannt war.

Bankkredite weit vor Crowdlending

Die auffälligste Veränderung gegenüber 2015 ist, dass heute 82 Prozent der befragten Unternehmen angeben, die Finanzierungsform Crowdlending zu kennen. Im Jahr 2015 waren es nur 48 Prozent.

Allerdings machen von dem in Deutschland 2017 insgesamt an KMUs vergebenen Kreditvolumen über 130 Mrd. EUR über die Crowd vergebene Kredite weniger als ein Prozent aus. Die Hausbank ist unverändert der bevorzugte Finanzierungspartner und nur zehn Prozent der Befragten glauben daran, dass sich dies ändern könnte. Knapp die Hälfte der Unternehmen will die Bindung zur Hausbank in Zukunft sogar stärken.

Banken punkten bei Kreditnehmern

Ein Hauptgrund dafür könnte sein, dass der persönliche Ansprechpartner unverändert eine herausragende Rolle spielt. Lediglich fünf Prozent der Teilnehmer gaben an, dass ein persönlicher Ansprechpartner nicht wichtig für sie sei. So überrascht es nicht, dass ebenfalls nur fünf Prozent der befragten Unternehmen ihren Kredit bevorzugt bzw. ausschließlich online abschließen wollen.

Nicht nur bei der persönlichen Betreuung punkten die Banken. Knapp 60 Prozent der befragten Unternehmen empfinden die Kreditvergabe der Geldinstitute als transparenter im Vergleich zur Crowd. Besonders überraschend ist das schlechte Abschneiden in einer dem Crowdlending zugesprochenen Domäne: 76 Prozent empfinden die Kreditbewilligungsdauer der Schwarmfinanzierung als schlechter, die Hälfte davon sogar als sehr viel schlechter.

Auch die Flexibilität der Vertragsgestaltung und die Erreichbarkeit werden von jeweils rund 60 Prozent der Befragten bei Banken als besser bzw. sehr viel besser angegeben.

Crowdlending keine wirkliche Bedrohung der Banken

Die Ergebnisse der Befragung lassen keinen nennenswerten Bedeutungsverlust des Bankkredits erwarten. Anders lautende Veröffentlichungen oder zitierte Marktentwicklungen, beispielsweise aus den Vereinigten Staaten, ließen sich nicht auf den deutschen Markt übertragen.

Crowdlending konnte in den letzten Jahren im Mittelstand zwar an Bekanntheit und Volumen zulegen, bleibt jedoch auf einem niedrigen Niveau und wächst nicht schnell genug, um Banken oder Sparkassen in den kommenden Jahren ernsthafte Konkurrenz zu machen.

Engpass bei steigenden Zinsen?

Die Studie konnte allerdings feststellen, dass vor allem Unternehmen mit einer niedrigen Eigenkapitalquote Interesse an Krediten durch die Crowd haben. Während viele dieser Befragten in der aktuellen Niedrigzinsphase die Bankfinanzierungshürden noch überwinden können, könnte es bei steigenden Zinsen für sie bei der klassischen Finanzierung eng werden.

So stellte die OECD in einem Bericht vom Dezember 2017 fest, dass sich viele sogenannte „Zombie-Firmen“ nur aufgrund der Niedrigzinsen am Markt halten können. Ob für diese Unternehmen das Crowdlending in Hochzinsphasen zum Rettungsanker wird, bleibt abzuwarten. Es ist naheliegend, dass bei steigenden Zinsen auch die Investoren der Crowd höhere Zinsen verlangen werden und damit für „Zombies“ keine Alternative bieten, da sie mit ihrer nicht ausreichenden Produktivität die höheren Zinsen nicht bewältigen können.

Banken finden Crowdlending interessant

Dass Crowdlending dennoch ein interessantes Konzept ist, mit dem sich auch Banken befassen, zeigen die vor kurzem erfolgte Übernahme der Plattform Lendico durch die ING-DiBa sowie weitere Übernahmespekulationen am Markt. Ob die Integration von Plattformen in das Geschäftsmodell von Banken die Crowd-Kredite im KMU-Segment beflügeln kann oder ob sich die Banken im Rahmen des Open-Banking-Trends neue Vertriebswege für Konsumentenkredite sichern möchten, bleibt jedoch abzuwarten.

Längerfristig betrachtet könnte der Generationswechsel in den Leitungsfunktionen der Unternehmen dem Crowdlending zum Aufschwung verhelfen. Die Befragung konnte eine hohe Korrelation zwischen digitaler Technikaffinität und Bereitschaft zum Crowdlending aufzeigen. Da die Entscheidungsträger von morgen aus einer technologiegewohnten Generation stammen, erscheint ein steigendes Interesse an dieser Finanzierungsform wahrscheinlich.
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Über den Autor

Dr. Hansjörg Leichsenring

Dr. Hansjörg Leichsenring befasst sich seit über 30 Jahren beruflich mit Banken und Finanzdienstleistern. Nach Banklehre und Studium arbeitete er in verschiedenen Positionen, u.a. als Direktor bei der Deutschen Bank, als Vorstand einer Sparkasse und als Geschäftsführer eines Online Brokers. Als Experte für Digitalisierung, Innovation und Vertrieb hält er Vorträge bei internen und externen Veranstaltungen im In- und Ausland und bietet Banken und Finanzdienstleistern Dienstleistungen im Bereich (Interims)Management sowie Beratung/Consulting an.

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