Kurz erklärt: Gründe und Auswirkungen der Massenentlassungen bei FinTechs

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Aktuell gibt es weltweit massenhafte Entlassungen bei Technologie-Startups, wovon auch immer mehr deutsche FinTechs betroffen sind. Die derzeitige Marktsituation hat ein Umdenken bei den Investoren gefordert, die manche FinTechs vor große Herausforderungen stellt.

Die europäische FinTech Branche befindet sich derzeit in einer Krise

Die europäische FinTech Branche steht derzeit stark unter Druck.

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Die europäische FinTech Branche steht derzeit stark unter Druck. Vielen FinTechs aus den Bereichen Blockchain und Kryptowährungen stehen aufgrund des derzeitigen und wahrscheinlich langen anhaltenden Krypto-Winters vor großen Herausforderungen.

Doch nicht nur Kryptowährungen stehen vor schwierigen Zeiten. Auch gibt es gerade weltweit massenhaft Entlassungen bei Technologie-Startups, wovon auch verstärkt deutsche und europäische FinTechs durch den überraschenden Angriffskrieg auf die Ukraine und der daraus entstehenden Verschärfung der Inflation betroffen sind – so auch inzwischen Branchengrößen wie Klarna, Trade Republic oder SumUp.  Ein jahrelang andauernder Job-Boom in der FinTech-Branche geht nun zu Ende und innerhalb nur weniger Wochen wurden in der europäischen FinTech-Szene über 1.000 Mitarbeiter entlassen. Tendenz steigend.

Selbst bei FinTech-Stars wie Klarna oder Trade Republic gibt es Entlassungen

In den vergangenen zwei Jahren war Klarna noch einer der europäischen FinTech-Stars und vermeldete Rekordumsätze, reihenweise Zukäufe, eine Unternehmensbewertung von 45,6 Milliarden US-Dollar und schaltete sogar Superbowl-Werbung für den US-Markt. Doch spätestens jetzt ist die Party leider vorbei. Nachdem zuerst Medien von einer stark gefallenen Bewertung im Zuge der aktuellen Fundraising-Runde berichteten, steht nun fest, dass Klarna zehn Prozent seiner Mitarbeiter entlassen wird und ca. 700 der insgesamt 7.000 Mitarbeiter gehen müssen. Auch ist von den ursprünglichen Plänen eines möglichen Börsengangs nichts mehr zu hören. Erste Experten sagen sogar, dass bei Betrachtung der Kosten von Klarna selbst die Entlassungen der 700 Mitarbeiter zu wenig war, um bei einem Verlust von 668 Mio. Euro im Jahr 2021 nachhaltig in die Gewinnzone zu rutschen.

Auch bei einem anderen FinTech-Star gab es mehrere Entlassungen. Hierbei handelt es sich um den Neo-Broker Trade Republic. Zwar wird über die genauen Zahlen geschwiegen, gut informierte Online-Medien berichten aber darüber, dass es sich hierbei um keine normalen Schwankungen handelt. Zwar möchte Trade Republic auch weitere Mitarbeiter in anderen Bereichen einstellen, jedoch sollen insgesamt mehr Mitarbeiter abgebaut als aufgebaut werden. Kombiniert man die Überlegungen der Finanz-Szene, dass ca. 750 Mitarbeiter derzeit laut LinkedIn für Trade Republic arbeiteten, mit der Aussage von Trade Republic, dass die Unternehmensgröße von 700 Mitarbeiter gehalten werden soll, würde sich ein Delta von ca. 50 Mitarbeiter ergeben. Dies würde bedeuten, dass bis zu 50 mehr Mitarbeiter gehen könnten, als Neue eingestellt werden würden. Besonders stark ist hiervon der Bereich Data Science betroffen.

Makrofaktoren verstärken die FinTech-Krise

Die Gründe für die FinTech-Krise erkennt man schnell an den derzeit vorherrschenden Makrofaktoren. Eine stark steigende Inflation hat begonnen und eine möglicherweise kommende Rezession könnte unmittelbar folgen. Hinzu kommt noch ein unbeständiger Aktienmarkt, wodurch sich auch das Vertrauen der Verbraucher in die Zukunft verändert hat. Durch die beginnende Zinswende in den USA, die anstehende Zinswende in Europa, den Ukrainekrieg und den durch die chinesische Null-Covid-Politik erschwerten Produktionsbedingungen für alle Unternehmen branchenübergreifend weltweit, wurden die allgemeinen Wachstumsprognosen stark gesenkt.

Die zuvor erwähnten steigenden Zinsen führen zudem dazu, dass vor allem Technologieunternehmen und Wachstumsaktien an der Börse abgestraft werden, da die Anleger den Glauben an stetig steigende Kurse verlieren weil bei diesen Unternehmen in der Regel wenig bis keine Dividende ausgeschüttet wird. Insgesamt wurden nach ersten Schätzungen weltweit allein im Mai 2022 nur bei Technologieunternehmen mehr als 17.000 Mitarbeiter entlassen.

Mit Nuri, Kontist, SumUp, Paypal und Rocket Internet sind einige weitere bekannte FinTechs dabei

Hinzu kommt, dass der e-Commerce-Boom aus Corona-Zeiten abgeschwächt ist, von dem viele FinTechs als Payment-Anbieter profitiert haben. Klarna war hiervon besonders stark betroffen, da sie sowohl bei den Endkunden als auch bei den Händlern viel Geld verdienen. Auch lässt die Begeisterung der Anleger für das Trading nach, wie bspw. die Geschäftszahlen des US-FinTechs Robin Hood zeigen.

Es wirkt fast so, als wenn auf die großen Überbewertungen der Startups in den vergangenen beiden Jahren eine noch härtere Korrektur folgt. Hiervon war z.B. auch die auf Kryptowährungen spezialisierte Berliner Neobank Nuri (ehemals Bitwala) betroffen, die 45 Mitarbeiter entlassen hat, was fast 25 Prozent der Belegschaft entspricht. Beim Berliner FinTech Kontist kam es zu einer Umstrukturierung, wodurch ebenfalls 50 Mitarbeiter entlassen wurden. Das FinTech SumUp hat das gesamte Brasiliengeschäft mit über 100 Mitarbeiter abgewickelt. Rocket Internet hat zudem bei seinem Fonds Global Founders Capital gut ein Drittel seiner Mitarbeiter und bei seinen Frühphasen Investor Flash Ventures die Hälfte der Mitarbeiter entlassen. Hinzu kommen das zuvor erwähnte Trade Republic mit einer schätzungsweisen Anzahl von 1 – 50 Entlassungen sowie noch 90 Entlassungen bei Paypal, wobei diese bei 30.000 Mitarbeiter eher zu vernachlässigen sind.

Neue Erwartungshaltungen bei Investoren als wichtigster Grund

Doch neben den erschwerenden Makrofaktoren gibt es noch eine weitere Erklärung für diesen Trend. Immer mehr Venture-Capital-Geber sehen verlustreiche Technologiefirmen zunehmend kritisch. Dies zeigt sich u.a. darin, dass es kein reines FinTech-Problem ist, sondern viele weitere Technologie-Startups betroffen sind.

Allein in Deutschland haben neben den bereits genannten FinTechs auch Startups aus anderen Branchen wie die mobile Tierarztpraxis Felmo, das Telemedizin-Startup Kry oder Sofort-Lieferdienste wie Gorillas oder Getir im großen Stil Mitarbeiter entlassen. Denn weltweit werden die Startups derzeit von ihren Wagniskapitalgeber dazu gedrängt, ihre Kostenseite in den Griff zu kriegen und stärker auf diese zu achten. Nach mehreren Jahren Aufschwung, in denen Startups sich auf Hyperwachstum von Umsatz fokussiert hatten und deshalb händeringend nach neuen Mitarbeitern suchten, steht nun ein Zeitenwechsel bevor.

Die Zeiten von Finanzierungen ohne intensive Due Diligence sind vorbei

Das Capital Magazin berichtete zudem, dass manche bekannten Berliner Geldgeber sogar hinter vorgehaltener Hand sagen, dass sie sich erst wieder an eine ausführliche Due Diligence gewöhnen müssen. Was sich zunächst nach einem schlechten Witz anhört, war jedoch in den vergangenen Monaten Realität. Verlangten kleinere Investoren ausführliche Zahlen, wurden diese von den Startups mit dem Verweis unter Druck gesetzt, dass andere Geldgeber ebenfalls ohne die geforderten Zahlen zugesagt haben. Bei einer Finanzierungsrunde des zuvor genannten FinTechs Klarna durften beispielsweise nur die größten Geldgeber die detaillierten Zahlen sehen, während kleinere Investoren das Management nur kurz per Video-Chat kennenlernten.

So etwas wird mit großer Wahrscheinlichkeit in Zukunft nicht mehr vorkommen. Auch wird die Due Diligence wieder intensiver durchgeführt werden und die Kosten- und Ertragsstrukturen der Investmentmöglichkeiten noch stärker auf Herz und Niere geprüft werden.

Werden die Unicorns der Vergangenheit die Zombies der Zukunft?

Obwohl die Venture-Capital-Fonds weiterhin gut gefüllt sind, wird inzwischen sogar teilweise befürchtet, dass aus dem einen oder anderen Unicorn aus dem Jahr 2021 ein Zombie im Jahr 2022 wird. Dies zeigt sich daran, dass sich im ersten Quartal 2022 die wichtigen Megarunden mit Investments von über 100 Millionen Euro halbiert haben. Viele dieser Deals wurden jedoch sogar noch vor oder zu Beginn des Ukrainekriegs abgeschlossen, weshalb man insbesondere für die Quartale zwei und drei des Jahres weitere signifikante Verringerungen diesbezüglich erwartet.

Durch die fehlende Aussicht auf frisches Geld wird es deshalb nun für viele FinTechs umso wichtiger, dass sie ihr Geld zusammenhalten und möglichst lange mit diesem auskommen. Schaffen sie es nicht, müssten sie sehr wahrscheinlich neue Millionen zu einer schlechteren Bewertung einsammeln, falls sie diese überhaupt aktuell bekommen. Am wahrscheinlichsten werden nur FinTechs profitieren, die bisher profitabel gearbeitet haben und dementsprechend entspannter in die Zukunft schauen können. Trotzdem erschwert die derzeit vorherrschende grundsätzliche Skepsis gegenüber der FinTech-Branche wahrscheinlich auch diesen weniger betroffenen FinTechs eine mögliche Kapitalsuche. Denn auch für sie wird es in den kommenden Monaten schwieriger werden, Finanzierungsrunden zu hohen Bewertungen einzusammeln

Bewertungsmaßstäbe für Banken und FinTechs gleichen sich an

Während in der Vergangenheit häufig Erfolge und Misserfolge für etablierte Banken im Aktienmarkt und durch Venture Capital finanzierte FinTechs mit zweierlei Maß bewertet wurden, gleichen sich jetzt langsam die Maßstäbe für Erfolg und Misserfolg an. Hierbei rückt auch bei den FinTechs das Thema Profitabilität immer weiter in den Fokus, da spätestens mit dem zukünftigen Eintritt am Aktienmarkt dieses Thema in den Fokus gerückt wird und hierfür rechtzeitig vorgesorgt werden muss. Zusätzlich bestätigt das Handeln der Investoren und FinTechs, dass Banken wie der Commerzbank Konzern die richtigen Schritte erkannt haben und Profitabilität vor aggressives Wachstum stellen.

Sowohl für Banken als auch für FinTechs wird es nun wichtig, die richtige Balance zwischen Wachstum und Profitabilität zu finden. Während früher insbesondere FinTechs ohne Probleme neues Geld besorgen konnten und diese dementsprechend ohne Rücksicht auf Verlust sich ganz dem Thema Hyperwachstum widmeten, müssen nun auch diese stärker auf die Profitabilität achten, da die Kapitalbeschaffung schwieriger geworden ist. Trotzdem werden die Investoren von den FinTechs weiterhin schnelleres Wachstum als Banken erwarten. Zugleich wird jedoch die Profitabilität als zusätzliches Ziel ausgerufen. Wahrscheinlich wird dies dazu führen, dass insbesondere in der Seed-Phase in Zukunft nicht mehr die bisherigen hohen Bewertungen von den Startups durchgedrückt werden können.

Wichtig ist hierbei, dass die Venture Capital Geber die Krise nicht dafür nutzen, dass die in ihren Augen unfair hohen Unternehmensbewertungen der FinTechs zu objektiv unfair niedrigen Unternehmensbewertungen verwandeln. Denn sowohl Gründer als auch Investoren benötigen den jeweils anderen als motivierten Partner, um gemeinsam das nächste Unicorn aufzubauen. Was jedoch individuell in den Verhandlungen dann jeweils fair oder unfair bedeutet, liegt stets im Auge des einzelnen Betrachters.


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Über den Autor

Pidder Seidl

Pidder Seidl ist Head of comdirect Startup Garage und arbeitet bei der comdirect bank im Innovationmanagement und Business Development. Vor seiner Zeit bei der comdirect bank hatte er sein eigenes Startup gegründet und war als selbstständiger Unternehmensberater tätig

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