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Deutsche Banken öffnen sich für FinTech-Unternehmen

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9 Fragen an Dr. Michael Kemmer vom Bankenverband

FinTech Unternehmen und etablierte Banken im Wettbewerb

Wer gewinnt den Wettlauf um die Gunst der Bankkunden?
© Shutterstock

Während Internet-Riesen Allianzen im Banking schmieden, hat der deutsche Bankenverband vor kurzem FinTech-Unternehmen eine Mitgliedschaft angeboten. Grund genug einmal bei Michael Kemmer nachzufragen, wie es denn um das Thema steht.

Junge, innovative Unternehmen im Finanzbereich, die so genannten FinTechs, sind derzeit vor allem bei Investoren heiß begehrt. Insgesamt wird die weltweite Zahl an FinTech-Startups inzwischen auf rund 12.000 geschätzt. Die globalen Investitionen in FinTechs verdreifachten sich 2014 die auf über 14 Milliarden US-Dollar. Manche sprechen in diesem Zusammenhang bereits von einem Hype. Auch die deutschen Banken haben das Thema inzwischen erkannt und sind dabei sich individuell, aber auch kollektiv zu positionieren.

So nahm Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, vor kurzem öffentlich Stellung zum Thema Digitalisierung und FinTech-Unternehmen. „Die Digitalisierung vollzieht sich extrem dynamisch und ist unumkehrbar. Sie betrifft alle Geschäftsbereiche und wird das Bankgeschäft und damit die Banken langfristig verändern“, so Kemmer und er ergänzte „FinTechs sind eine Chance für den Finanz- und Technologiestandort Deutschland. Politik und Regulatoren sind aufgefordert, die Bedingungen für Gründung und Wachstum dieser Unternehmen weiter zu verbessern“. Andererseits besteht aus Sicht der Banken derzeit ein regulatorisches Ungleichgewicht: „Die Politik muss einen klugen Mittelweg zwischen notwendiger Regulierung im Interesse von Kundenschutz und Finanzmarktstabilität einerseits und dem Zulassen und Ausprobieren von Innovationen andererseits finden“.

Neun Fragen an Michael Kemmer vom Bankenverband

Vor kurzem habe ich über den Zusammenschluss der Internet Giganten Amazon, Apple, Google, Intuit und PayPal berichtet. Unlängst hat nun der Bankenverband bekannt gegeben, auch FinTechs in seine Reihen aufnehmen zu wollen.

Für mich waren diese Ereignisse Grund genug, einmal nachzufragen und dem Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes Dr. Michael Kemmer neun Fragen zu stellen. Lesen Sie hier seine Antworten:

Michael Kemmer, Bankenverband, zur Digitalisierung der Finanzdienstleistung

Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands

Der Bank Blog: Beim Thema FinTech entsteht ja vielfach der Eindruck, die deutsche Finanzwirtschaft bestaunt dieses Phänomen wie das Kaninchen vor der Schlage. Sind die deutschen Banken ausreichend innovativ und um den Kunden bemüht?

Michael Kemmer: Die deutschen Banken stehen FinTechs und den Entwicklungen des Marktes aufgeschlossen gegenüber. Richtig ist, dass die Bankenbranche im Nachgang der Finanzkrise sehr viel Zeit und Energie in die regulatorisch-bedingte Neuordnung investiert. Das hatte erstmal Priorität und erfordert auch heute noch viel Aufmerksamkeit. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche hat an Tempo enorm zugelegt und natürlich auch im Finanzbereich neue junge Anbieter hervorgebracht, die sich Innovation und absoluten Fokus auf den Kundennutzen auf die Fahnen geschrieben haben. Das ist eine gute Entwicklung, denn der dadurch entstehende Wettbewerb zwingt alle Anbieter, sich an den Besten zu orientieren. Von daher täuscht der Eindruck. Wir staunen nicht, sondern gestalten aktiv mit.

Der Bank Blog: Der Bankenverband hat unlängst zum wiederholten Mal eine verschärfte Regulierung für FinTech-Startups gefordert. Wovor fürchten sich die Banken?

Michael Kemmer: So etwas fordern wir nicht – ganz im Gegenteil. Wir haben uns bewusst entschieden, FinTechs nicht mit der Keule des Verbraucherschutzes oder der Finanzmarktmarktstabilität gegenüber zu treten. Allerdings brauchen manche Geschäftsmodelle von FinTechs neue regulative Antworten, die genau in diesem Spannungsverhältnis von Innovation einerseits und Kundenschutz und Finanzmarktstabilität anderseits zu suchen sind. Das wird ein spannender Prozess. Dabei gilt natürlich: Auch wenn sie frisch und unkonventionell sind, können Geschäfte von Start-ups nicht anders reguliert werden als die einer etablierten Bank. Das würde dem fairen Wettbewerb widersprechen und wäre auch nicht im Interesse der Kunden.

Der Bank Blog: Welche Maßnahmen erwarten Sie von Seiten der Regulierung in Bezug auf die FinTechs?

Michael Kemmer: FinTechs sind zunächst eine Chance für den Finanzstandort Deutschland. Es braucht Raum für Innovation und neue Geschäftsmodelle. Gleichzeitig muss der Kern des Bankgeschäftes, also vor allem das Einlagen- und Kreditgeschäft, mit Blick auf Finanzmarktstabilität und Kundenschutz streng reguliert bleiben. Politik und Aufsicht müssen ein regulatorisches „Level-Playing-Field“ sicherstellen. Die Regulierung sollte auf der einen Seite das Potenzial der FinTechs für den Finanzstandort Deutschland nutzen, ohne dabei die damit verbundenen Risiken aus den Augen zu verlieren.

Der Bank Blog: Man könnte den Eindruck gewinnen, es gäbe gute und „böse“ FinTech-Unternehmen. Die guten gehen Kooperationen mit den etablierten Finanzinstituten ein, die „bösen“ erhöhen den Wettbewerbsdruck. Müsste es nicht noch viel mehr und intensiveren Wettbewerb geben, damit sich Banken endlich auf den Kunden und seinen Bedarf zu bewegen?

Michael Kemmer: Ich denke nicht in Kategorien von Gut und Böse und würde daher dieser Unterscheidung auch nicht folgen. Wir beobachten den Markt sehr genau. Dabei lässt sich leicht feststellen, dass es Geschäftsmodelle gibt, die im Kern den direkten Wettbewerb um Kunden bedeuten und andere, die auf eine mögliche Produkt- oder Prozesspartnerschaft zielen. Wobei selbst die „Wettbewerber“ häufig eine Bank im Hintergrund brauchen, um banknahe Dienstleistungen anbieten zu können. Für die Banken ist es also eher eine Frage der eigenen Ausrichtung wer Wettbewerber oder Kooperationspartner ist. Auf jeden Fall sind die privaten Banken in Deutschland intensiven Wettbewerb gewöhnt und scheuen diesen auch nicht.

Der Bank Blog: Ganz aktuell hat der Bankenverband beschlossen, dass FinTechs außerordentliche Mitglieder werden können. Warum nur außerordentlich? „Wasch mich, aber mach mir den Pelz nicht nass“?

Michael Kemmer: Der Bankenverband ist die Interessenvertretung der privaten Banken in Deutschland und das wird er zunächst auch bleiben. FinTechs als außerordentliche Mitglieder stehen dann auf der gleichen Stufe wie zum Beispiel Börsen, nicht in Deutschland tätige Banken oder Banken anderer Sektoren, die heute auch schon außerordentliche Mitglieder des Bankenverbandes werden können.

Der Bank Blog: Was erhoffen Sie sich von dieser Initiative?

Michael Kemmer: Wir wollen den Austausch zwischen Banken und FinTechs unterstützen und forcieren, sozusagen allen Beteiligten eine Plattform bereitstellen. Aus diversen Gesprächen mit vielen FinTechs im Laufe des letzten Jahres haben wir gelernt, dass es eine ganze Reihe von gemeinsamen Themen gibt, die beiden Seiten interessieren. Die FinTechs erhalten Zugang zu den umfangreichen Informationsmedien des Bankenverbandes und können davon profitieren, dass der Bankenverband als etablierte und anerkannte Interessenvertretung über viel Erfahrung im Politikbetrieb verfügt.

Der Bank Blog: Gilt die neue Möglichkeit auch für die großen Internet-Unternehmen wie Facebook, Google, Apple & Co?

Michael Kemmer: Wir haben uns bewusst für eine breite Definition des Begriffs „FinTechs“ entschieden, die letztlich auch etablierte Technologiekonzerne miteinschließt. Wir sind daher offen, wobei ich zugeben muss, dass die genannten Unternehmen bisher nicht im Fokus unserer Arbeit standen.

Der Bank Blog: In den USA haben sich unlängst Amazon, Apple, Google, Intuit und PayPal zur Lobbyvereinigung „Financial Innovation Now“ zusammengetan, um „das Tempo der Veränderung der Finanzdienstleistungen durch Innovationen zu beschleunigen“. Wie würden Sie einen Einstieg dieser Unternehmen in den deutschen Bankmarkt beurteilen, zum einen im Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit, zum anderen im Hinblick auf die Auswirkungen, die so ein Einstieg hätte?

Michael Kemmer: Ich persönlich halte den Einstieg der großen Internetunternehmen in den deutschen Bankenmarkt über eine Vollbanklizenz, also in das Einlagen- und Kreditgeschäft, im Moment für eher unwahrscheinlich. Das liegt zum einen daran, dass die regulatorischen Anforderungen sehr hoch sind. Darüber hinaus ist der deutsche Bankenmarkt nicht sehr margenträchtig, was dazu führt, dass andere Märkte sicherlich erstmal attraktiver für diese Unternehmen sein werden. Und letztlich würden sie sich den europäischen Bankaufsichtsregeln unterwerfen, was sicherlich die eine oder andere interessante Herausforderungen für diese Unternehmen bedeuten würde. Aber eines steht fest: angesichts der hohen Dynamik mit der diese Unternehmen agieren, kann sich vieles sehr schnell ändern, da sind Voraussagen immer schwierig. Entscheidend wird sein, dass die deutschen Kreditinstitute wachsam bleiben und ihrerseits Ihre Hausaufgaben machen, dann sind sie für jeden Wettbewerb weiter gut aufgestellt.

Der Bank Blog: Hat Banking in der bisherigen Form noch eine Zukunft?

Michael Kemmer: Das Bankgeschäft hat auf jeden Fall eine spannende Zukunft. Ein breites Produktangebot, die Übernahme von Risiken und eine umfangreiche Beratung sind und bleiben wichtige Leistungen der Banken. Wie diese Zukunft jedoch konkret aussehen wird, kann heute niemand verlässlich vorhersagen. Wir erleben eine Entwicklung, in der sich neben der Universalbank Geschäftsmodelle weiter ausdifferenzieren, die technologischen Möglichkeiten der Digitalisierung nicht nur den Kunden und seine Wünsche immer mehr in den Mittelpunkt stellen, sondern auch seine Auswahl-, Mitwirkungs- und Gestaltungsmöglichkeiten vervielfachen. Dieser Prozess ist in meinen Augen langfristig und unumkehrbar. Das heißt in der Konsequenz, Wandel prägt die Bankenwelt schon seit Langem und wird es immer tun.

Der Bank Blog: Herzlichen Dank!

FinTech-Präsentation des Bankverbandes

Zum Abschluss hier noch die interessante Präsentation des Bankverbandes zum Thema „Banken und FinTechs – Kooperation oder Wettbewerb“:

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Über den Autor

Dr. Hansjörg Leichsenring

Dr. Hansjörg Leichsenring befasst sich seit über 30 Jahren beruflich mit Banken und Finanzdienstleistern. Nach Banklehre und Studium arbeitete er in verschiedenen Positionen, u.a. als Direktor bei der Deutschen Bank, als Vorstand einer Sparkasse und als Geschäftsführer eines Online Brokers.Aktuell bietet er Banken und Finanzdienstleistern Dienstleistungen im Bereich (Interims)Management und Beratung/Consulting an und vertritt die Firma Meniga, einen innovativen Anbieter von White-Label-Lösungen für Persönliches Finanz Management (PFM) im deutschsprachigen Teil Europas.Darüber hinaus hält er Vorträge bei internen und externen Veranstaltungen im In- und Ausland.

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