Conversational Banking für Banken und Sparkassen

Banking mit und nach Corona

Neben Kostendruck auch große Produktchancen

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Die Corona-Pandemie wird uns auf absehbare Zeit weiter begleiten. Für Banken und Sparkassen bedeutet dies, neben tiefgreifenden Veränderungen in der Kommunikation und Zusammenarbeit, vielfältige Chancen, aber auch Herausforderungen in allen Bereichen.

Folgen der Corona-Pandemie für Banken und Sparkassen

Die Corona-Pandemie hat vielfältige Folgen für Banken und Sparkassen.

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Die zweite Welle von COVID-19 läuft hoch, so wie dies jeder Wissenschaftler seit Monaten mit 99 Prozent Wahrscheinlichkeit voraussagen konnte. 100 Prozent waren es nur deshalb nicht, weil die vorausblickende Empirie diesen Wert nicht kennt. Denn es könnte ja immer noch ein schwarzer Schwan oder ein zaubernder US-Präsident angeschwommen kommen.

Alle Branchen stellen sich die Frage, zu welchen nachhaltigen Veränderungen Corona führen wird. Für die Banken wollen wir einige Prognosen wagen und auch konkrete Zahlen nennen. Das soll in einem Zwiebelschalen-Modell geschehen: von der inneren Schale der eigenen Arbeitsumgebung und Geschäftsprozesse über die mittlere Schale der veränderten Kundenbedarfe an Produkten und Services bis hin zur äußeren Schale der Entwicklungen in den globalen Handelsnetzen.

Alle Arbeitsprozesse „können digital“ …

Die Produkte und Services von Banken sind schon lange digital – bis auf wenige Ausnahmen wie das Bargeld. Und in geschützten Biotopen haben auch einige echte Sparschweine überlebt. Analytisch ist die Digitalisierung also lange vollzogen.

Mit Corona wurde der Beweis angetreten, dass sich die allermeisten Bankprozesse auch in der Praxis digital und von zu Hause aus bearbeiten lassen. Selbst eine Institution wie die EZB mit ihren höchsten Sicherheitsanforderungen verbietet den „normalen“ Mitarbeitern seit einem halben Jahr, ihre Primär-Arbeitsplätze im attraktiven Hochhaus im Frankfurter Ostend aufzusuchen. Auch haben wir gelernt, wie komfortabel es sein kann, eine Tages-Geschäftsreise nach München, Brüssel oder Mailand durch eine Zwei-Stunden-Videokonferenz über WebEx, Teams oder Zoom zu ersetzen.

Corona hat darüber hinaus bewiesen, dass die Dialoge mit den Kunden in Zukunft voll digital ablaufen können: Beratung, Vertrieb und Service funktionieren über Video, Sprache, Bilder und Text. Die eine oder andere gescannte Unterschrift und physisch nachgeschickte Dokumente verdüstern das Bild noch ein wenig, bis die digitale Signatur ihr abschließendes Komfortniveau erreicht hat.

… und „werden Omnikanal“

Natürlich werden wir nach Corona nicht voll durchdigitalisiert kommunizieren. Denn wir vermissen die physischen Kontakte und brauchen sie für die Vertrauensbildung und auch einfach fürs Wohlfühlen. „Omnikanal“ ist die Antwort: Ein oder zwei Tage pro Woche im Homeoffice und 80 Prozent der Routine-Kundengespräche übers digitale Netz werden zum Standard werden. Die Prozesse laufen dabei über alle Kanäle technisch gleich. 25 Prozent weniger Büroflächen-Bedarf und die Schließung von 50 Prozent der Filialen erscheinen da nicht besonders ambitioniert.

Ein bedeutsamer Folgeeffekt ist der Trend zu veränderten Organisationsformen: dezentraler, mit weniger Hierarchie, mehr Teamarbeit, Eigenverantwortung und Vertrauen! Dieser Schritt von den Unternehmens-Palästen zu den heimischen Zelten dürfte der klassischen Bankkultur am schwersten fallen. 

Produkte und Services machen einen weiteren Innovationssprung

Corona treibt Veränderungen mindestens genauso stark in den nachgefragten Bankprodukten und Services wie der Blick auf die drei Bereiche Payments, Finanzierungen und Finanzanlagen zeigt.

Für Payments gilt

Was bisher zehn Jahre erforderte, schaffte Corona in wenigen Monaten – nämlich die Reduzierung der Bargeld-Transaktionen um fast 10 Prozent-Punkte. Als Alternative öffnet sich ein Strauß attraktiver, auch konkurrierender Optionen: Mobile Payments wie ApplePay werden ins Girokonto integriert. Die Vereinigung von Paydirekt, Giropay und der Girocard beendet hoffentlich die große Verwirrung bei den Kunden. Instant Payments liefern schon heute hohen Komfort; zusammen mit dem Request for Payments und der EPI (European Payments Initiative) können sie morgen PayPal und ApplePay europaweit überflüssig machen – wenn die Banken sich nicht wieder zerstreiten.

Mittelfristig verleiht die Suche nach dem wahren Ersatz für anonymes Bargeld dem digitalen Euro Rückenwind. Wenn die EZB es will, wird er als CBDC kommen, also als Central Banking Digital Currency. Der begrenzte Druck der ineffizienten und im Wert schwankenden Bitcoin, der höhere Druck der geplanten Stablecoin Libra, nun der Hochdruck von Corona wirken! Welche Rolle die privaten Banken dabei finden werden, bleibt allerdings abzuwarten.

Für Finanzierungen gilt

Kurzfristig wachsen die Kreditvolumen und leider auch die Kreditrisiken. Für hohe zweistellige Milliardenbeträge von Krediten wurden Zinsen und Tilgungen gestundet. Aufgeschobene Insolvenzen werden die Situation verschärfen. In 2021 und 2022 ist mit doppelt so hohen Ausfallquoten für die Banken zu rechnen, von denen nur ein Teil über öffentliche Garantien abgesichert ist.

Mittelfristig wird Corona dagegen Innovationen fördern. Die Industrie 4.0 wird ihre Anstrengungen erhöhen, in oder nahe Realzeit Logistik und Produktion zu steuern – auch um besser auf kurzfristige Änderungen in den Lieferketten oder in der Nachfrage reagieren zu können. Das Korrelat auf Finanzseite sind die datenbasierten Kredite. Einerseits liefern sie den industriellen Produzenten flexible Liquidität, andererseits machen sie die Risiken für Kreditgeber präziser kalkulierbar. Also eine echte Win-win-Situation!

Für Finanzanlagen scheint auf den ersten Blick zu gelten

Bei Privaten und Institutionellen bleibt alles bei Alten. Mangels ertragreicher Alternativen fließt privates Geld weiter in Aktien und Immobilien und treibt deren Preise. Allerdings lernen private Anleger durch Corona, sich souveräner in der digitalen Anlagewelt zu bewegen. Der Trend zu ETFs reduziert Ertragspotentiale der Banken aus aktiv gemanagten Fonds.

Andererseits: Wenn es Banken mittelfristig gelingt, datenbasierte Kredite in „Maschinen-Fonds“ zu verbriefen, was geradezu auf der Hand liegt, so entsteht eine hochattraktive, neue Anlageklasse – und neue Ertragspotentiale für die Banken.

Dagegen investieren die Zentralbanken und – soweit gesetzlich vorgeschrieben – institutionelle Anleger wie Versicherungen in festverzinsliche Wertpapiere. Sie finanzieren damit insbesondere die öffentlichen Haushalte mit ihren weiter explodierenden Schulden. So lange die Zukunftserwartungen des Privatsektors und in der Folge dessen die reale Gesamtnachfrage vor sich hin dümpeln, wird dies gut gehen. Im anderen Fall heißt es Kampf um die Produktionspotentiale, Inflation und/oder im Extrem auch ein Schuldenschnitt.

Die Globalisierung wird nicht zurückgedreht

Damit blicken wir schon in Richtung Weltwirtschaft. Wird Corona zur Re-Integration der Prozessketten im eigenen Unternehmen führen, zu weniger Outsourcing, zu tieferer Eigenfertigung? Und werden globale durch nationale oder gar lokale Strukturen ersetzt? Im Einzelfall durchaus, in der Breite jedoch nicht! Denn die Vorteile der Arbeitsteilung sind einfach erdrückend.

Aber die Beschaffungsstrukturen werden sich ändern: mehr Multi-Sourcing, weniger Single-Sourcing, das Ganze regional stärker gestreut. Das bringt uns nochmals zur flexiblen Steuerung der Industrie 4.0. Sie schafft Potentiale für die Banken, denn globale Handelsströme benötigen bessere Finanzprodukte in den Dimensionen Schnelligkeit, Effizienz und Absicherung.

Was heißt das für die Banken?

Die Anforderungen steigen durch Corona nochmals: Die verstärkte Nutzung der digitalen Prozesse erfordert einen Kapazitätsabbau von 20 Prozent bis 30 Prozent in wenigen Jahren. Auf der Ertragsseite führen digitale Produkte zu sinkenden Margen insbesondere bei Finanzanlagen. Auf der Risikoseite werden Corona-bedingte Kreditausfälle schlagend werden.

Andererseits zeigen sich vielfältige Geschäftspotentiale rund um Mobile Payments, datenbasierte Kredite und Maschinen-Fonds für die Industrie 4.0, schließlich bessere Unterstützung internationaler Lieferketten. Banken, die in diesen Feldern mutig und agil unterwegs sind, auch offen auf Plattformen operieren, können gewonnene Kapazitäten in Richtung Innovation umsteuern und Kundennutzen generieren. Eine nachhaltige und profitable Positionierung erscheint also durchaus möglich!


Dieser Artikel erscheint zeitgleich im Fachjournal Banking and Information Technology (BIT) Band 21, Heft 2, Oktober 2020.

Über den Autor

Prof. Dr. Hans Gert Penzel

Prof. Dr. Hans-Gert Penzel ist Gründungsgesellschafter des ibi research, Institut für Bankinnovation an der Universität Regensburg. Das Institut analysiert und gestaltet IT-basierte Finanzinnovationen. Von 2004 bis 2010 war Herr Penzel Generaldirektor und CIO in der Europäischen Zentralbank. Davor hatte er in 13 Jahren mehrere C-Funktionen in der Vereinsbank, später Hypovereinsbank inne. Er begann seinen Berufsweg 1982 bei Hewlett Packard und wechselte 1985 fünf Jahre zu McKinsey & Company. Herr Penzel studierte VWL und Wirtschaftsinformatik in Mainz und Stanford; er promovierte in Software Engineering.

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