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Test der Beratungsqualität in den Filialen von Banken und Sparkassen

Der Banker auf der Couch

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Von der psychologischen Bedeutung der Digitalisierung

Banking mit einem Augenzwinkern

Lustiges, Humorvolles und mitunter auch Nachdenkliches für Banker
© Shutterstock

Der Psychoanalytiker Sigmund Freud kennt sich aus mit Bankmanagern, tauchen doch bereits die ersten Krankheitsbilder der Digitalisierung in der medizinischen Fachliteratur auf. So weiß er auch einen Rat für den Banker auf seiner Couch.

„Na, wie geht es uns denn heute?“

Der warme Wiener Dialekt sorgte bei Ronald Ganz-Weiss für ein angenehmes Gefühl, sodass er sich noch vertrauensvoller dem etwas abgewetzten Sofa näherte, welches zweifelsfrei das spirituelle Zentrum der Ordination des Mediziners bildete.

„Nehmen´s bitte Platz. Entspannen Sie sich.“ Anscheinend hatte der Arzt nicht wirklich eine Antwort auf genau die Frage erwartet, die seine Zunft vermutlich noch in tausend Jahren stellen wird. Sie war sozusagen als Initialisierung der Behandlung gedacht und als Anknüpfungspunkt für die weiteren Anweisungen, die dem Patienten zu geben waren.

Ronald setzte sich auf die Couch und versuchte, es sich angesichts der Lage, in die er unverschuldet geraten war (wie er nicht müde würde zu betonen!), bequem zu machen. Er rutschte mehrmals hin und her, bis er eine Position gefunden hatte, die es ihm ermöglichen würde, die nächste Stunde in Anstand und Würde zu überstehen. Dann ließ er alle Hemmungen fallen und legte sich mit einem lauten Seufzer auf den Rücken. Er starrte an die Decke und ein geübter Beobachter hätte eine kleine Träne in seinem Augenwinkel erkennen können.

Dr. Sigmund Freud war ein hervorragender Beobachter, doch diese Kleinigkeit war ihm entgangen. Er hatte reichlich Erfahrung mit Bankern gemacht und wusste, dass sie ein sensibles Völkchen waren, immer gut für den einen oder anderen kleinen Skandal.

Herr Ganz-Weiss war ihm von einem weltbekannten Kollegen ans Herz gelegt worden, da ihm dieser in seinem Spezialgebiet als Internist nicht mehr weiterhelfen konnte. Und dieser Internist musste offen zugeben, dass er ganz froh war, diesen Ganz-Weiss endlich los zu sein. Anscheinend war Ronald nicht der duldsame, einsichtige Patient, sondern ein klein wenig aufbrausend und elitär hochnäsig. Das mochte daran liegen, dass die Familie Ganz-Weiss in der High Society wohl bekannt war. Ronalds Vater hatte eine Zahnpaste erfunden, der man – praktischer Weise – gleich den Familiennamen als Marke mit auf den Weg gab. Man scheffelte Millionen und Vater Ganz-Weiss hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als dass sein einziger Sohn ins Familiengeschäft hätte einsteigen mögen. Doch nein, es war die Welt der Hochfinanz, die Ronald magisch anzog und letzten Endes hier her geführt hatte.

„Also, Herr Ganz-Weiss. Was führt Sie zu mir?“

Misstrauisch beäugte Ganz-Weiss seinen Therapeuten. Würde der ältere Herr ihm helfen können? Ein Wiener? In Freuds beindruckendem Bart hatte sich ein Krümel seines Frühstückskipferls verfangen, und so ein Mensch sollte bei ihm, dem weltgewandten Banker, den sprichwörtlichen gordischen Knoten lösen? Ronald hatte seine Zweifel.

„Nun, ich muss zugeben,“ begann Ronald zögerlich, was sonst so gar nicht seine Art war, „dass ich meine Bedenken hinsichtlich Ihrer Lösungskompetenz habe. Nicht, dass es Ihnen an der medizinischen Kenntnis mangeln würde, aber mein Leiden ist schon sehr spezifisch!“

Freud hatte sich an die Attitüden der Banker, sich im Mittelpunkt der Welt zu wähnen, gewöhnt. Er hatte damit umzugehen gelernt, immerhin waren die meisten Banker auch nur ganz normale Menschen.

„Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein, Herr Ganz-Weiss. Sie sind nicht mein erster Patient aus dem Kreditgewerbe.“

Gewerbe! Das tat Ganz-Weiss weh. Er sah sich eher als Künstler, der virtuos Milliarden auf den Märkten bewegte, quasi als einen Picasso des Monetarismus. Aber wer würdigte seine Kunstwerke? Niemand. Heute war jedoch noch Schwerwiegenderes auf der Agenda.

„Dr. Freud, sie werden es nicht glauben, aber mir macht die Digitalisierung zu schaffen.“

Dr. Sigmund Freud auf seiner Couch

Als Banker auf der Couch von Dr. Sigmund Freud
© Radu Bercan / Shutterstock.com

Freud runzelte die Stirn und sah Ganz-Weiss skeptisch an. Er machte erste Notizen in ein dickes Heft mit der Aufschrift „Analyse“.

„Soso, die Digitalisierung! Und was genau macht Ihnen denn jetzt Kopfzerbrechen mit dieser Digitalisierung?“

„Nun, beginnen wir damit, dass mich alle auf dieses Thema ansprechen und mir gute Tipps geben wollen. Und ehrlich gesagt, die meisten wissen ja nicht einmal, was Digitalisierung bedeutet. Trotzdem wollen alle mitreden. Neulich kommt ein Kollege von der Gebäudereinigung zu mir und macht mir Vorschläge, wie wir unsere digitale Strategie adaptieren sollen. Von der Reinigungsfirma! Stellen Sie sich das einmal vor, Herr Doktor.“

„Interessant!“, gestand Freud seinem Patienten konziliant zu. „Was haben Sie ihm geantwortet?“

„Da haben Sie jetzt aber den wunden Punkt getroffen! Was sagt man denn jemandem, der einem das Offensichtliche vorschlägt? Gut gemacht? Danke für gar nichts? Wovon träumen Sie nachts? Es ist wie beim Fußball: alle wollen Trainer sein und wissen es natürlich besser als der eigentlich Verantwortliche.“

Ronalds geballte Faust fuhr auf das Leder des schuldlosen Sofas nieder.

„Ich werde, ehrlich gestanden, in dieser Sache schon leicht neurotisch. Mache ich etwas falsch? Verabsäume ich es, mich um einen wichtigen Trend ausreichend zu kümmern? Soll ich einen Chief Digital Officer ernennen? Was würden Sie mir raten, Herr Doktor?“

Nonchalant überging Dr. Freud die an ihn gestellte Frage, denn er war Seelenexperte und kein Digitalisierungsfachmann.

„Das Diagnostizieren einer Neurose überlassen Sie dann bitte doch dem Arzt.“, knurrte Freud und strich sich bedächtig den Bart. „Was bereitet Ihnen denn besondere Sorgen?“

Ronald wand sich zögernd, denn konkrete Aussagen, auf die man ihn hätte festnageln können, waren seine Sache nicht.

„Nun ja, versuchen Sie einmal, dieses Thema festzumachen. In einer umfassenden Digitalisierungsstrategie, zum Beispiel. Das scheitert doch schon daran, dass alle Beteiligten völlig unterschiedliche Definitionen von Digitalisierung haben. Und die Medien geben einem das Gefühl, dass man, egal wie engagiert man in diesem Bereich ist, auf jeden Fall den Anschluss an die Entwicklung verloren hat.“

„Verlustängste? Das ist ja sehr interessant, Herr Ganz-Weiss. Sehen Sie, wir machen schon Fortschritte. Wie ist denn eigentlich Ihr Verhältnis zu Ihrer Mutter?“

„Wieso bringen Sie denn jetzt meine Mutter ins Spiel?“, fragte Ronald entrüstet.

„Ach, nur so eine Idee von mir. Ich spreche das bei allen Patienten immer ganz unterbewusst an.“ Freud musste schmunzeln.

Es war ihm klar, dass er diesem Patienten medizinisch nicht würde helfen können. Obwohl die ersten Krankheitsbilder der Digitalisierung bereits in der medizinischen Fachliteratur auftauchten: digitales Burnout, digitales nervöses Zucken, digitaler latenter Tinnitus, digitale zwanghafte Verstopfung und besonders unschön: das digitale Tourette-Syndrom. Verdammt noch mal!

Wie auch immer, ein Dr. Siegmund Freud würde einen Patienten in seiner Not niemals allein lassen. Wenn er selbst nicht helfen konnte, so wusste er dennoch Rat.

Mit sicherer Hand steckte er Ronald Ganz-Weiss die Visitenkarte seines Cousins zu, der sich erst vor kurzem als Unternehmensberater im Bereich Digitalisierung selbständig gemacht hatte.

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Über den Autor

Michel Lemont

Michel Lemont ist seit mehr als 35 Jahren in Bankenwesen tätig. Er war in verschiedenen Bereichen der Finanzindustrie tätig, unter anderem im Vertrieb, im Marketing und zuletzt im Umfeld des Zahlungsverkehrs. In seinen Aufgabenbereich fallen unter anderem regulatorische Themen, das Management von Zahlungsverkehrs-Infrastrukturen sowie die Arbeit in nationalen und internationalen Gremien im Bereich Payments. Ein besonderes Anliegen sind ihm Innovationen im Bankenbereich und das "Querdenken". Michel Lemont ist Autor des Buches „Bankers have more fun“ und betrachtet das Bankwesen gerne von der humoristischen Seite. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter.

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