China dreht auf, Europa in Schockstarre

Der Kampf um High Tech geht in die nächste Runde

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Mit seiner ungeheuren Marktmacht, seiner Innovationskraft und einem nahezu unerschöpflichen Vorrat an Arbeitskräften ist China in Sachen High Tech kaum beizukommen. Eine Studie sieht erheblichen Handlungsbedarf für ein Europa in Schockstarre.

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Wer hat die Hosen an in der High-Tech-Branche? Europa ist es nicht. Das zumindest meint die Managementberatung Kearney in ihrer neuen Studie, die von globalen Beziehungen der Märkte handelt. Die globalen politischen Turbulenzen hätten die europäische Verwundbarkeit aufgedeckt, heißt es. Zwar könne Deutschland mit wichtigen Akteuren wie Südkorea und Japan konkurrieren, bei Großbritannien, Frankreich und Italien sähe das Bild jedoch verheerend aus.

Ein wichtiges Thema der Untersuchung: Die unbestreitbare Abhängigkeit der europäischen Industrie von China. Die befragten Top-Manager sehen demnach zu 80 Prozent, dass die High-Tech-Fähigkeiten des fernöstlichen Players auf einem hohen oder sehr hohen Niveau lägen, und jedes europäische Land überträfen. Und 58 Prozent der europäischen Führungskräfte sehen bezogen auf die Lieferung von High-Tech-Komponenten eine hohe oder sehr hohe Abhängigkeit ihres Unternehmens von China.

Ein Beispiel: 70 Prozent aller Lithium-Ionen-Batterien werden in China gefertigt. Da in Europa aber nur drei Prozent der Lithium-Ionen-Batterien hergestellt werden, muss für fast jedes europäische Elektrofahrzeug eine Batterie importiert werden.

Fatale Folgen

Das sind alarmierende Zahlen. Denn diese wirtschaftliche (und damit auch politische) Abhängigkeit wirkt sich fatal auf die europäische Wirtschaft aus. Etwa 20 Prozent der europäischen Bruttowertschöpfung hängen schon heute direkt oder indirekt von High-Tech ab. Verschärfter Protektionismus, lokal begrenzte Tech-Cluster und brüchige Lieferketten machten Europa besonders verwundbar.

Ein zuverlässiger Zugang zu High-Tech ist für den Kontinent ein maßgeblicher Punkt, der über seine wirtschaftliche und letztlich auch politische Unabhängigkeit entscheidet. Weltweit ist die Industrie für High-Tech-Komponenten und -Systeme etwa 1,2 Billionen US-Dollar wert und wächst seit 2014 jährlich um 14,5 Prozent, heißt es in der Analyse.

Zähle man das breitere High-Tech-Spektrum hinzu, also Produkte und Services, die von High-Tech-Komponenten und Systemen abhängen, dann belaufe sich der Wert sogar auf 5,65 Billionen US-Dollar. Demnach solle der Tech-Sektor etwa sieben Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Diese Tendenz verstärke sich dadurch, dass zunehmend mehr Branchen von Tech-Komponenten abhängig würden.

Der Drache legt los

Mit einem wirtschaftlichen Riesen wie China ist kaum zu spaßen. Mit einer ungeheuren Effizienz, Arbeits- und Innovationskraft ist der fernöstliche Player für Europa ein verlorener Kampf. 2019 seien in China 3,6 Mal so viele High-Tech-Patente angemeldet worden wie noch fünf Jahre zuvor. Anders ausgedrückt: Auf ein europäisches High-Tech-Patent kamen 2019 mehr als 12,2 High-Tech-Patente aus Fernost, insbesondere in den Bereichen Batterie, Cloud und KI. 2014 lag dieses Verhältnis noch bei 1 zu 3,2.

Europäische Unternehmen gäben für Forschung und Entwicklung zudem 1,3-fach weniger aus als es amerikanische und chinesische Unternehmen tun, schreiben die Studienautoren. Eine führende Rolle Europas als technologischer Innovator sei so unmöglich. Sogar Japan gebe – im Verhältnis zum lokalen Bruttoinlandsprodukt – mehr für Forschung und Entwicklung aus.

Huawei und sein großer Wurf

Ein Bereich, der kürzlich an die Chinesen fiel, zumindest für die kommenden zwei Jahre, ist der Telekommunikationssektor. Tech-Gigant Huawei entwickelte eine aussichtsreiche 5G-Technologie, die europäische Mitbewerber wie Nokia oder Ericsson auf Abstand hält.

Wendet man nun ein, dass bei etwa globalen Standards von Halbleitern die USA und Europa noch führen, so entgegnen die Studienautoren, dass sich dies angesichts der Offensive „Made in China 2025” rasch ändern könnte. Die neue Strategie Chinas stellt wichtige Weichen für das fernöstliche Land, um im High-Tech-Sektor autark zu werden. Bis 2049, so wünschen sich die Parteikader um Präsident Xi Jinping, eine technologische Supermacht zu werden. Der Westen werde Antworten darauf finden müssen, heißt es in der Studie.

Was antwortet Europa?

Die Unternehmen in der alten Welt sind sich der Probleme offenbar bestens bewusst: Kurzfristig planen rund 70 Prozent der befragten Führungskräfte, F&E-Fähigkeiten in ihr Heimatland zurückzuholen. Ein erster Schritt Richtung Eigenständigkeit.

Die Studie empfiehlt, dass sich Unternehmen in länderübergreifenden Kooperationen gegen potenzielle Störungen der globalen Versorgung von Technologie absichern. Das ist ein guter Ratschlag. Krisen wirtschaftlicher und politischer Natur können jederzeit entstehen. Die Corona-Pandemie zeigt dies. Eine solche Absicherung müsse demnach entlang der gesamten Wertschöpfung von Forschung und Entwicklung, Innovation, geistigem Eigentum bis hin zu Lieferung und Fertigung angegangen werden.

Schließlich solle die europäische Industrie ihre technologischen Kernkompetenzen konzentrieren und konsequent ausbauen. Dazu gehöre auch der Schutz dieser Kompetenzen vor interkontinentalen M&A-Aktivitäten. Nur wenn Europa eigene technologische „Assets“ mit globaler Bedeutung halte, könne eine wechselseitige Abhängigkeit zwischen den Regionen geschaffen werden und Europa sich vor Protektionismus in einzelnen Regionen schützen.

Dieser Ansatz müsse durch ein ganzes Bündel an Maßnahmen auf Regierungsebene unterstützt werden. Etwa durch steuerliche Anreize zur Steigerung der Attraktivität von High-Tech-Investitionen. Oder abgesenkte Einstiegshürden für MINT-Studenten auf dem europäischen Arbeitsmarkt.

Fakt ist: Europa kann gegen China nur gemeinsam bestehen. Alleine wird es nichts. Die kommenden Jahre werden entscheidend sein, ob es für die alte Welt in die wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit geht – oder ob sie sich gegen Fernost behauptet.

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Über den Autor

Jannik Wilk

Jannik Wilk ist als freiberuflicher Redakteur für Der Bank Blog tätig. Er ist freier Journalist und Student in Heidelberg.

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