Ali Baba und die 40 Notenbanker

Kommt der digitale Euro?

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Kommt demnächst der digitale Euro als offizielles Zentralbankgeld? Vieles spricht dafür, dass sich die Stimmung bei der Europäischen Zentralbank gerade dreht. Doch der Weg bis zur Umsetzung könnte noch ein weiter sein…

Kommt der digitale Euro als offizielles Zentralbankgeld?

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S-e-s-a-m-ö-f-f-n-e-d-i-c-h!

Walter tippte voller Elan das neue Passwort in die Eingabemaske seines Computers. Dabei zwinkerte er vertraulich dem bildschirmfüllenden Portrait von Christine Lagarde zu, die ihm siegessicher aus dem Monitor entgegenschaute.

Die 4. Präsidentin der Europäischen Zentralbank hatte dabei ihren Blick streng, aber doch mütterlich-optimistisch in die Zukunft gerichtet. Eine Zukunft, die Europas Notenbanken und dem Euro gehören würde.

Und natürlich dem digitalen Euro.

Vom Bitcoin-Saulus zum Krypto-Paulus

Gut, so lange ist es noch gar nicht her, dass die Zentralbanken Kryptowährungen à la Bitcoin verteufelt hatten. Man stelle sich vor: eine Währung, die nicht von einer Zentralbank kontrolliert wird! Wo kommen wir denn da hin? Walter – selbst ein alteingesessener Notenbanker – zuckt noch heute beim Gedanken an das unregulierte Teufelszeug innerlich zusammen.

Aber wie sagten schon die alten Griechen: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern!“.

Heute war ein neuer Tag und vor den europäischen Zentralbanken lag – wie schon angedeutet – eine glorreiche Zukunft. Eine Zukunft, in welcher sie nicht nur ihr gottgegebenes Recht auf Regulierung und Kontrolle über die Währung des Kontinents voll ausüben, sondern auch alle Zweifler an der Innovationskraft der EZB in die Schranken weisen würden.

Denn diese Zweifler hatten ihre Rechnung ohne Walter gemacht. Erstaunlich rasch hatte sich dieser vom Bitcoin-Saulus zum Krypto-Paulus gewandelt und nun durfte er mit seinem Team von hochbezahlten Notenbankern am hauseigenen Projekt mit dem Codenamen „Ali Baba“ arbeiten.

Ali Baba und die Konkurrenz aus China

Ein paar Miesepeter hatten es sich nicht nehmen lassen und gemeint, dass Ali Baba zwar am Ende den Schatz der 40 Räuber finden und damit unsäglich reich werden würde – aber konnte der Codename nicht auch Assoziationen mit Alipay, dem Bezahldienst von Alibaba wecken?

Assoziationen, die man als europäischer Notenbanker so gar nicht gebrauchen konnte? Vor allem, wenn man bedachte, dass die People´s Bank of China mit der Entwicklung ihres digitalen Yuan recht weit fortgeschritten war.

Ja, das musste Walter neidlos anerkennen: die Chinesen schafften es nicht nur, in wenigen Wochen riesige Gebäude aus dem Boden zu stampfen, auch die Einführung einer digitalen Währung lief im Land der Mitte wie geschnitten Brot. Aber die hatten es in China ja auch bedeutend einfacher.

Denn: sind demokratische Strukturen wirklich so ein großer Vorteil? Oder hatte so ein klein wenig Diktatur nicht doch auch Vorzüge? Keine endlosen Diskussionen mit Hundertschaften von Bankvertretern und Lobbyisten über Punkte, Beistriche und Prozente.

„Hier, Genossinnen und Genossen der Beschluss des Zentralkomitees. Lesen Sie selbst und dann viel Erfolg bei der Umsetzung!“

Ein wohliger Schauer durchlief Walter, als er sich der Möglichkeiten und der Machtfülle bewusst wurde, gäbe es in Europa ähnliche Strukturen. „Ali Baba“ wäre ruckzuck auf dem Weg, ohne endlose Abstimmungen in Gremien, ohne politische Querschüsse der Bedenkenträger.

Was man sich da Zeit sparen würde. Und Nerven!

Der digitale Euro als Währung der Zukunft?

Dennoch: Walter war Demokrat durch und durch (und außerdem gab es kein Zentralkomitee im Europäischen Rat), sodass er sich eben auf sein Talent, seinen Fleiß und seine Kreativität würde verlassen müssen.

Auch gut.

Also hämmerte er zuversichtlich in die Tasten und war sich dabei sicher, an der einzig relevanten Währung der Zukunft zu arbeiten: am digitalen Euro. Die Corona-Krise war dabei wie eine steife Brise im Rücken seines Vorhabens. Dem bargeldlosen Zahlen gehörte sowieso die Zukunft und bald würde auch in ganz Europa niemand mehr mit Cash bezahlen wollen.

Mal ehrlich: wer greift schon gerne Geld an? Und die paar Verrückten, die dennoch auf Bargeld bestehen würden, die wären dann in seinen Augen die Cashidioten und mit einem Beschluss des Zentralkomitees …

Ach ja, da war doch was.

Digitale Währungen und der Wettbewerb

Jetzt nur nicht mit Kleinigkeiten aufhalten, dachte sich Walter. Nun war es wichtig, das Momentum zu nutzen und mit gestalterischen Kräften ein Umfeld zu schaffen, in dem der digitale Euro wachsen und gedeihen konnte.

Die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen wäre gar nicht so schwer. Ein Verbot der Nutzung von Bitcoin, Ripple und Co. in Europa wäre ein erster logischer Schritt. Europäischen Banken, die den An- und Verkauf von diesen Kryptowährungen auf ihren Konten zuließen, könnte man zudem die Banklizenz entziehen. Dann hier und da noch eine kleine protektionistische Maßnahme und voila: das Werk wäre getan.

Im Wettbewerb mit den anderen CBDC´s, wie die von Zentralbanken ausgegebenen digitalen Währungen im Insiderjargon auch hießen, wäre der Euro mit Sicherheit überlegen. Auch, wenn Walter den Grund dafür noch nicht wusste, so war er sich sicher, dass es schlussendlich so sein würde.

Mit einer Sache war er sich aber sicher: ein Beschluss des Zentralkomitees wäre hilfreich.

Über den Autor

Michel Lemont

Michel Lemont ist seit mehr als 35 Jahren in Bankenwesen tätig. Er war in verschiedenen Bereichen der Finanzindustrie tätig, unter anderem im Vertrieb, im Marketing und zuletzt im Umfeld des Zahlungsverkehrs. In seinen Aufgabenbereich fallen unter anderem regulatorische Themen, das Management von Zahlungsverkehrs-Infrastrukturen sowie die Arbeit in nationalen und internationalen Gremien im Bereich Payments. Ein besonderes Anliegen sind ihm Innovationen im Bankenbereich und das "Querdenken". Michel Lemont ist Autor des Buches „Bankers have more fun“ und betrachtet das Bankwesen gerne von der humoristischen Seite. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter.

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