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Werden Banken überflüssig sein?

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Geschäftsmodelle in der Finanzdienstleistung im Jahr 2035

Finanzdienstleistungen im Jahr 2035

Auf der Suche nach der Finanzdienstleistung der Zukunft
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Die fortschreitende Digitalisierung wird Banken in den kommenden zwanzig Jahren überflüssig machen. Wenn sie es kurzfristig nicht schaffen, sichere und benutzerfreundliche Plattformen zu etablieren und zu verteidigen, werden sie bald nicht mehr existieren. Ein Ausblick auf Geschäftsmodelle in der Finanzdienstleistung im Jahr 2035.

Das grundsätzliche Geschäftsmodell der Banken hat sich in den letzten 200 bis 300 Jahren nur wenig verändert. Ursprünglich trafen private Geldverleiher, die ihr eigenes Geld als Kredit vergaben, und Kreditnehmer direkt zusammen. Dieses Modell wurde abgelöst von Institutionen, die als Finanzintermediäre agieren. Sie verliehen nicht mehr ihr eigenes Kapital, sondern das bei ihnen deponierte Geld ihrer Kunden. Seit über 200 Jahren besteht also das wesentliche Geschäftsmodell der Banken und Sparkassen in der Entgegennahme der Anlegergelder auf der Passivseite der Bilanz und der Weitergabe als Kredite auf der Aktivseite. Dabei erfüllen sie verschiedene Transformationsleistungen und erhalten im Gegenzug eine Zinsmarge, also die Differenz zwischen Einlagen- und Kreditzins. Diese Finanzintermediation war lange sinnvoll und sehr lukrativ für die Banken. Doch bereits Ende des 20. Jahrhunderts war eine Tendenz zur Disintermediation erkennbar. Der Intermediär wurde zunehmend über den direkten Kontakt von Kreditgeber und Kreditnehmer auf hochentwickelten Kapitalmärkten ersetzt.

Digitalisierung als neue Konkurrenz für Kreditinstitute

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts entsteht, neben den Kapitalmärkten, eine weitere, mächtige Konkurrenz für die Kreditinstitute: Die Digitalisierung.

Diese als vierte industrielle Revolution gefeierte Digitalisierung weist eine Eigenschaft auf, die in der Menschheitsgeschichte bislang nicht existierte: exponentielles Wachstum. Alle bisherigen Entwicklungen verliefen linear und somit für das menschliche Denken vorhersagbar. Wenn sich der Gewinn einer Bank in den letzten fünf Jahren jeweils um drei Prozent erhöht hat, ist es wahrscheinlich, dass auch im kommenden Jahr mit einem Gewinnwachstum um etwa drei Prozent zu rechnen ist. Dies entspricht linearem Denken mit inkrementellen Veränderungen. Exponentielle Veränderungen kann das menschliche Gehirn nur schwer verarbeiten. Es geht dabei nicht darum, etwas z.B. um zehn Prozent zu verbessern, sondern es zehn Mal besser zu machen. Dazu reicht es nicht, bestehende Geschäftsmodelle und Prozesse iterativ zu optimieren, das Modell muss von Grund auf neu gedacht werden. Dies ist ein möglicher Grund, warum Kreditinstitute bislang nicht mit Innovationsfreude geglänzt haben. Über mehrere hundert Jahre hatten sie ein relativ sicheres, nahezu monopolistisches Geschäftsmodell, das keinem Wandlungsdruck unterlag, was sich in den letzten Jahren geändert hat. Erste kleine Ansätze sind durch die FinTechs – junge Unternehmen, die Finanzdienstleistungen und Technik geschickt miteinander kombinieren – zu erkennen.

Noch fühlen sich die traditionellen Banken nur wenig bedroht von den kleinen Wettbewerbern. Doch exponentielle Entwicklungen verlaufen anfangs langsam und dann sehr schnell. Banken und Sparkassen sind also gut beraten, das kleine verbleibende Zeitfenster zu nutzen, sofern sie im Jahr 2035 noch existieren wollen. Die Chancen dafür stehen aufgrund der Trägheit großer Unternehmen und der mangelnden Innovationskraft der Banken schlecht. Dennoch hat der Microsoft-Gründer Bill Gates Recht mit seiner Aussage, dass Bankdienstleistungen notwendig seien, Banken jedoch nicht („Banking is necessary, Banks are not“). Verschiedene Schätzungen gehen davon aus, dass aufgrund der technologischen Entwicklung bis zum Jahr 2025 etwa 50% der Arbeitsplätze bei Kreditinstituten wegfallen, auch die hochqualifizierten.

Drei Hauptgeschäftsfelder der Banken

Zur Vereinfachung werden an dieser Stelle die drei Hauptgeschäftsfelder der Banken betrachtet:

  1. Zahlungsverkehr
  2. Anlagegeschäft
  3. Kreditgeschäft

In jedem dieser Geschäftsfelder treten FinTechs in Konkurrenz zu den bisherigen Alleinherrschern und entwickeln dabei interessante und effiziente Modelle.

Prof. Dr. Andreas Buschmeier

Andreas Buschmeier ist promovierter Volkswirt und Professor an der BA Fulda.

Zahlungsverkehr und der Wegfall des Bargelds

Hier unterscheidet man Barzahlung und bargeldlose Zahlung. Die jungen Start-ups haben sehr viel früher als die traditionellen Banken die Wichtigkeit des Online-Handels erkannt und benutzerfreundliche und effiziente Zahlungsverfahren entwickelt. So hat das bereits 1998 gegründete PayPal in Deutschland einen Marktanteil von ca. 20% und eine breite Akzeptanz bei Händlern. Das Gegenmodell der deutschen Banken, paydirekt, wurde erst 2014 gegründet und startete nach vielen Unstimmigkeiten unter den Beteiligten Banken und Sparkassen in 2016 mit vergleichsweise wenigen Akzeptanzstellen. Sofern paydirekt keine überragende Benutzerfreundlichkeit und Sicherheit bietet, existiert kein Grund, dieses System anstelle von PayPal zu nutzen. Zusätzlich haben sich mit Apple Pay, Google Wallet und anderen bereits starke Konkurrenten in den USA etabliert und auch Facebook arbeitet an einem Bezahlsystem. Gegen diese Übermacht können die Banken nichts mehr ausrichten, der Kampf ist bereits verloren.

Bargeld wird in 2035 nicht mehr existieren. Die Allianz von Politik, Zentralbanken und Wirtschaft wird die Bargeldabschaffung, auch gegen den Willen der Bevölkerung, durchsetzen.

Alternative Währungsformen, wie z.B. Bitcoin, werden Staaten und Zentralbanken nur dann genehmigen, wenn sie weiterhin Einfluss auf Geldpolitik und Geldmenge nehmen können. Die hinter Bitcoin stehende Blockchain-Technologie wird sich jedoch in den kommenden Jahren für verschiedene Zwecke durchsetzen.

Big Data revolutioniert das Anlagegeschäft

Die Digitalisierung und die damit einhergehende Möglichkeit, riesige Datenmengen schnell und präzise zu analysieren (Big Data), wird dafür sorgen, dass sowohl Anlageberater als auch Analysten nicht mehr notwendig sein werden. Bereits heute arbeiten vollautomatisierte Vermögensverwalter, sog. „Robo Advisor“, sehr erfolgreich. Die Fehlerquelle Mensch, mit all seinem psychologischen und soziologischen Ballast, wird vollständig ausgeschaltet. Banken überleben nur, wenn sie die dominierende digitale Plattform zur Geldanlage bereitstellen.

Vollautomatisierung im Kreditgeschäft

Für das Kreditgeschäft, als Kehrseite der gleichen Medaille, lassen sich die Aussagen zum Anlagegeschäft übertragen. Risikoeinschätzung und –bepreisung werden automatisiert, Big Data sorgt für eine an Sicherheit grenzende Vorhersage der Ausfallwahrscheinlichkeiten. Kredit- und Firmenkundenberater sind in 20 Jahren genauso überflüssig wie die heute noch mächtigen Ratingagenturen. Um zumindest ihr originäres Geschäft in die Zukunft zu retten, müssen Kreditinstitute die noch kleinen Konkurrenten aus dem Bereich Crowdfunding mit einer sicheren, benutzerfreundlichen Alternative aus dem Markt drängen, z.B. mit einer gemeinsamen digitalen Plattform.

Digitale Plattformen könnten die Banken verdrängen

Die kommenden zehn bis zwanzig Jahre werden von digitalen Plattformen bestimmt werden. Traditionelle Banken haben nur noch wenig Zeit, gemeinsam eine oder mehrere dieser Plattformen zu besetzen und zu einem Monopol auszubauen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht nur die Trägheit ihrer hierarchischen Strukturen überwinden, sondern zusätzlich über alle Länder und Rechtsformen hinweg zusammenarbeiten, ist verschwindend gering. Vermutlich werden aus kleinen, schnellen Start-ups aufgrund des Netzwerkeffektes und der damit einhergehenden Tendenz zur Monopolisierung dominierende Plattformanbieter, die die heutigen Banken ablösen. Aber auch sie werden von nachfolgenden Monopolisten mit besseren Geschäftsmodellen aus dem Markt gedrängt. Und damit ist nur der horizontale Fortschritt beschrieben – die Ausweitung des bereits existierenden Plattformmodells.

Hinzu kommt vertikaler Fortschritt, also die vollständige Neuerfindung heute noch nicht existenter Produkte und Dienstleistungen, der kaum vorhersagbar ist. Im Jahr 2035 werden Spracherkennung und künstliche Intelligenz so weit entwickelt sein, dass Kunden nicht mehr unterscheiden können, ob sie mit einem Menschen oder einer Maschine kommunizieren. Sofern es noch für nötig befunden wird, eine Bank „aufzusuchen“, muss man dazu dank virtueller Realität nicht mehr vom Sofa aufstehen. Diese Entwicklungen machen die Mehrzahl der Bankmitarbeiter und der Banken selbst überflüssig. Nur sehr wenige, international tätige Institute, die sichere und benutzerfreundliche Plattformen als Monopol etablieren, werden die kommenden 20 Jahre überleben.

Innovation macht zusätzliche Entwicklungen möglich

Die dargestellten Entwicklungen erscheinen mit linearem Denken möglich. Nicht berücksichtigt sind disruptive, exponentielle Innovationen, denn eine Erfindung vorherzusagen heißt, sie zu machen. Außerdem sind nicht alle beschriebenen Entwicklungen uneingeschränkt wünschenswert. Dringend notwendig ist eine Ordnungspolitik für den Cyberspace, um unerwünschte, für die Menschen nachteilige Auswüchse zu verhindern. Dieser schwierigen Aufgabe muss sich die Politik stellen, auch wenn das Internet keine nationalen Grenzen kennt und nationale Gesetze bei Bedarf umgeht. Die Regulierung von Finanzdienstleistern, Fragen des Datenschutzes und nationale Gesetze fanden in diesem kurzen Beitrag ebenfalls keine Berücksichtigung. Hier müssen internationale Lösungen gefunden werden.


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Über den Autor

Prof. Dr. Andreas Buschmeier

Andreas Buschmeier ist promovierter Volkswirt und Professor an der BA Fulda. Neben seiner Tätigkeit als Studienleiter berät er mittelständische Unternehmen in ihrer Kommunikation mit Kapitalgebern. Banken unterstützt er in Fragen zu Geschäftsmodellen und Digitalisierung. In seinem Buch „Ratingagenturen – Wettbewerb und Transparenz auf dem Ratingmarkt“ hat er ein eigenes Ratingmodell entwickelt und dies Politik und Aufsichtsbehörden vorgestellt. Zusätzlich veröffentlichte er diverse Buchbeiträge und Zeitschriftenartikel. Erfahrungen im Bankgeschäft sammelt er seit 1990, als Hochschuldozent ist er seit 2003 tätig.

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