„Traktor-as-a-Token“

Tokenisierung von Industriegütern

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Datengetriebene „Asset as a Service“-Geschäftsmodelle halten zunehmend auch Einzug in der produzierenden Industrie und führen zu einer Veränderung der Finanzwertschöpfungskette. Welche Rolle kann hier künftig die Tokenisierung von Industriegütern spielen?

Tokenisierung von Industriegütern wie Traktoren

Die Tokenisierung von Industriegütern wie Traktoren eröffnet neue Möglichkeiten.

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Flexible Nutzungs- und Abrechnungsmodelle sind ein wesentlicher Trend der Digitalisierung und gewinnen auch in der produzierenden Industrie zunehmend an Bedeutung. Immer mehr Unternehmen tendieren dazu, Investitionsgüter nicht mehr zu kaufen, sondern im Rahmen von Pay-per-Use- oder Abonnement-Modelle für deren Nutzung zu bezahlen. Ermöglicht wird dies durch den Einsatz von IoT-Sensoren, die die entsprechenden Nutzungsdaten für die Abrechnung bereitstellen.

Hersteller von Investitionsgütern können sich durch die Entwicklung von entsprechenden „Asset-as-a-Service“-Angeboten unter anderem neue Erlösquellen und Kundensegmente erschließen. Allerdings implizieren diese nutzenbasierten Geschäftsmodelle, dass Teile der produzierten Investitionsgüter nicht mehr verkauft werden, sondern in der Bilanz der Hersteller verbleiben. Diese Bilanzverlängerung führt zu Kapitalbedarf, der über Eigen- oder Fremdkapital gedeckt werden muss.

„Asset-as-a-Service”-Geschäftsmodelle führen zu Kapitalbedarf

Auch der österreichischen Traktorenhersteller Lindner hat die Chancen eines solchen nutzen-bzw. datenbasierten Geschäftsmodells erkannt und zusätzlich zu seinem Verkaufsangebot eine Mietflotte von mehr als 70 Fahrzeugen für seine Kunden aufgebaut. In den Fahrzeugen verbaute Telemetrie-Einheiten sammeln verschiedenste Nutzungsdaten und senden diese an Cash on Ledger.

Das Kölner Startup hat ein vollautomatisches Asset-Lifecycle-Management entwickelt, das es ermöglicht, dass Abrechnung, Zahlung und Buchhaltung ohne menschliches Zutun vollautomatisch ablaufen. Die dabei entstehenden Datenströme bilden die Grundlage für Cashflow- und Rendite-Betrachtungen sowie entsprechende Risikoeinwertungen und Restwertberechnungen je Fahrzeug. Gleichzeitig können diese Daten die Grundlage für die nötige Refinanzierung bilden, sowohl mittels Fremd- als auch mittels Eigenkapital.

Refinanzierung über Pay-per-Use Kredite

Auf Basis der kontinuierlich erhobenen Nutzungsdaten kann die Refinanzierung über einen datenbasierten Investitionskredit, auch bekannt als Pay-per-Use Kredit, erfolgen. Die Tilgungshöhe eines solchen Kredits wird flexibel durch die Auslastung der Investitionsgüter bestimmt: zu Zeiten geringerer Auslastung und damit geringerer Umsätze reduziert sich die zu zahlende Finanzierungsrate bis zu einem gewissen Grad und schont somit die Liquidität. Steigt die Auslastung wieder auf ein ausreichendes Maß an, fällt auch die Finanzierungsrate wieder in vollem Umfang oder darüber hinaus an. Im Vorfeld müssen dafür die für die Berechnung der Finanzierungsrate erforderlichen Nutzungsdaten vereinbart sowie deren – idealerweise automatisierte – Übermittlung an die Bank sichergestellt werden.

Refinanzierung über Special Purpose Vehicles („SPV“)

Anstelle der Aufnahme von Bankdarlehen kann auf Basis der Nutzungsdaten aber auch eine neue Anlageklasse gebildet werden, die in Folge für die Refinanzierung eingesetzt werden kann.

Zum einen könnte die Refinanzierung mittels SPV-Strukturen erfolgen. Die Investitionsgüter, sprich die Traktoren, gehen dabei in das Anlagevermögen der eingesetzten Einzweckgesellschaft (SPV) über, die Refinanzierung des Kaufpreises am Kapitalmarkt erfolgt beispielsweise über die Ausgabe von Wertpapieren. Nachteilig sind bei SPV-Strukturen der enorme Arbeitsaufwand, die komplizierte Konstruktion und die damit verbundene hohen Kosten. Sie sind daher erst bei hohem Kapitalbedarf und langer Investitionsdauer wirtschaftlich und richten sich in der Regel speziell an große institutionelle Anleger. Für Privatanleger sind diese Konstrukte in der Regel nur schwer zugänglich, auch aufgrund von Mindestinvestitionssummen.

Refinanzierung über die Tokenisierung von Industriegütern

Eine Alternative zur Verbriefung kann gegebenenfalls die Tokenisierung darstellen. Gemäß der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht handelt es sich dabei um „die digitalisierte Abbildung eines (Vermögens-)Wertes inklusive der in diesem Wert enthaltenen Rechte und Pflichten sowie dessen hierdurch ermöglichte Übertragbarkeit”.

In diesem Falle würde das Vermögen der Einzweckgesellschaft digital in Form von Token auf der Blockchain abgebildet, wobei jeder Token einen Gesellschaftsanteil darstellt und einen Anspruch auf einen Teil des Cashflows der darunter liegenden Assets verbrieft. Token können jederzeit, digital und ohne Intermediäre an eine andere Partei übertragen werden, die Transaktionshistorie und die daraus resultierenden Eigentumsverhältnisse sind unveränderbar auf der Blockchain gespeichert. Mit den Gesellschaftsanteilen verbundenen Ausschüttungen an die Anteilseigentümer können mittels Smart Contracts automatisiert erfolgen.

Von Vorteil ist, dass die Fraktionierung des Anlagebetrags beliebig kleinteilig ausfallen kann, wodurch verschiedene und auch neue Investorenklassen, wie zum Beispiel Privatanleger, angesprochen werden können. Zudem sind Token-Investments aufgrund der unkomplizierten Handelbarkeit nicht zwingend mit einer langen Haltedauer verbunden, sondern können flexibel zur Diversifikation auch kleinerer Anlageportfolios eingesetzt werden.

Allerdings kann ein stark fraktioniertes Anlagevolumen auch mit einem entsprechenden Vertriebsaufwand verbunden sein, da deutlich mehr Einzelinvestoren angesprochen und von der Rentabilität der Anlage überzeugt sowie im Falle von Privatanlegern nachweislich aufgeklärt werden müssen. Und während die Abwicklungs- und Vertriebsinfrastrukturen sowie die aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen bei etablierten Finanzierungsinstrumenten wie forderungsbesicherten Wertpapieren bereits vorhanden sind, steckt der Aufbau eines Ökosystems im Sinne von Prozessen, Strukturen und Standards für die Tokenisierung noch in den Kinderschuhen.

Nutzungsdaten ermöglichen neue Formen der Refinanzierung von Industriegütern

Unternehmen und Banken können durch die Tokenisierung von Industriegütern zukünftig neue, datenbasierte Finanzierungsmethoden und Geschäftsmodelle entwickeln. Gleichzeitig bieten sich für einen erweiterten Investorenkreis neue Anlageklassen und damit Möglichkeiten zur Portfoliodiversifikation.

Allerdings sind noch einige Voraussetzungen zu schaffen, bis die mit der Tokenisierung assoziierten Vorteile realisiert werden können. Dazu zählen beispielsweise der Aufbau einer Blockchain-basierten Abwicklungsinfrastruktur, die Schaffung geeigneter regulatorische Rahmenbedingungen, aber auch die Entwicklung eines umfassenden Verständnisses der Tokenisierung sowie ihrer Chancen und Risiken bei allen beteiligten Akteuren. Pay-per-Use Kredite hingegen sind, ebenso wie die Ausgabe von forderungsbesicherten Wertpapieren, datenbasierte Refinanzierungsoptionen, die bereits heute zum Einsatz bereitstehen.


Folgende Koautoren haben an dem Beitrag mitgewirkt:

  • Maximilian Forster (Co-Founder CashOnLedger Technologies GmbH und Mitglied vieler Gremien und Verbänden).
  • Lukas Schmidt, SVP Strategy & Business Development CashOnLedger mit über 8 Jahren Erfahrung im Bankwesen.
  • Katharina Schott, Managing Consultant an der Schnittstelle zwischen IT und Fachseite und DLT Talent des Frankfurt School Blockchain Center.
  • Dr. Philipp Sandner, Leiter Frankfurt School Blockchain Center (FSBC) an der Frankfurt School of Finance & Management.

Über den Autor

Serkan Katilmis

Serkan Katilmis ist Tech-Unternehmer und Investor sowie Mitgründer und CEO von CashOnLedger. Er ist Mitglied der Fintech AG beim Bankenverband, Mitglied des Wirtschaftsrates sowie öffentlicher Redner für führende Verbände. Zuvor war er u.a. für Goldman Sachs, Accenture und PwC tätig. Er hat einen MBA der Duke University und absolvierte mehrere Executive-Strategie-Programme am INSEAD.

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