Trends im digitalen Banking

Innovationen sind zentraler Bestandteil unserer DNA

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Interview mit Remigiusz Smolinski, Innovationsmanager comdirect

Innovationen und Risiko

Um erfolgreiche Innovationen vorantreiben zu können, benötigen Banken eine mutigere Risikopolitik
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Innovationen werden im Zeitalter der Digitalisierung der Finanzdienstleistungen immer wichtiger, auch, um sich am Markt zu differenzieren. Über die Herausforderungen habe ich mich ausführlich mit Remigiusz Smolinski, Innovationsmanager bei der comdirect bank AG unterhalten.

Über die Bedeutung von Innovationen für Banken und Sparkassen gibt es durchaus unterschiedliche Meinungen in der Branche. Stillstand dürfte jedoch kaum ein Institut anstreben. Manche Banken sind jedoch deutlich offener als andere und einige haben sogar extra ein eigenes Innovationsmanagement eingerichtet.

So auch die comdirect, die z.B. als erste Bank in Deutschland ihren Kunden Persönliches Finanz Management angeboten hat. Vor kurzem habe ich mich mit dem Chef des dortigen Innovationsmanagements, Dr. Remigiusz Smolinski, unterhalten. Seine Ansichten halte ich alleine schon deswegen für interessant, weil er kein typischer Banker ist, sondern aus dem Einzelhandel kommt. Vor seiner Tätigkeit bei der comdirekt war er Innovationsmanager bei der Otto-Group. Er ist schon seit vielen Jahren in der Internet-Branche tätig (Lycos Europe, eBay, mobile.international) und engagiert sich auch als Research Associate an der School of Business and Social Sciences der Aarhus University. Zudem ist er Dozent an der Handelshochschule Leipzig sowie der Lanzhou University.

Dr. Remigiusz Smolinski (comdirect bank AG)

Dr. Remigiusz Smolinski, Chief Innovation Manager, comdirect bank AG

Der Bank Blog: Wie lautet Ihre Vision für das Banking im Jahre 2025?

Remigiusz Smolinski: 2025 wird Banking vollständiger Teil des Nutzungsalltages sein und es Menschen ermöglichen überall, jederzeit und auf allen erdenklichen Devices Finanzgeschäfte leicht und intuitiv zu erledigen. Banking wird sich radikal an den Bedürfnissen von Kunden ausgerichtet haben und deren Finanzen als intelligenter Begleiter optimieren. Diese Entwicklung wird momentan schon von diversen FinTechs und ersten Banken wie comdirect angestoßen und nach und nach von weiteren aufgegriffen werden.

Der Bank Blog: Sie kommen ja aus dem Einzelhandel. Worin sehen Sie die größten Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit der Finanzbranche? Gibt es ähnliche Herausforderungen?

Remigiusz Smolinski: Der größte Unterschied zwischen dem E-Commerce und der Finanzbranche war in der Vergangenheit sicherlich die höhere Innovationsgeschwindigkeit im E-Commerce. Der Umbruch, in dem sich die Finanzbranche momentan befindet, hat im E-Commerce seinen Höhepunkt schon hinter sich. Insofern können Banken viel vom Internethandel lernen: Auch hier gab es neue Wettbewerber mit innovativen und durchweg digitalisierten Angeboten, die den Platzhirschen das Leben schwer gemacht oder diese sogar verdrängt haben. Ähnlich wie im Handel stehen auch Banken vor der Frage, ob sie Getriebener oder Gestalter der Digitalisierung sein wollen.

Innovationen sind zentrale Bestandteil der comdirect-DNA

Der Bank Blog: Was bedeutet Innovation für Sie und Ihr Institut?

Remigiusz Smolinski: Innovationen sind mein ganz persönlicher Antrieb und der zentrale Bestandteil unserer DNA bei comdirect. Wir konnten in der Vergangenheit unsere Innovationsführerschaft in der Branche beweisen. Auch in Zukunft werden wir täglich daran arbeiten, dass wir unserem Anspruch „Bank neu denken“ gerecht werden und in einem sehr wettbewerbsintensiven sowie dynamischen Marktumfeld innovativ bleiben.

Der Bank Blog: Welches sind für Sie die drei zentralen Faktoren für ein erfolgreiches Innovationsmanagement?

Remigiusz Smolinski: Die drei zentralen Faktoren für ein erfolgreiches Innovationsmanagement sind für mich die allgemeine Innovationsorientierung, Top-Management-Unterstützung sowie die Integration externen Wissens und Kompetenzen. comdirect ist seit jeher auf Innovationen ausgerichtet und der Vorstand greift jegliche Impulse unmittelbar auf, um Innovationen im Unternehmen voranzutreiben. Externes Wissen greifen wir beispielsweise durch unseren systematischen Corporate Foresight Prozess auf und integrieren dieses mithilfe von zahlreichen APIs, z. B. durch die Startup-Garage. Damit fördern wir Ideen, von denen wir glauben, dass sie Banking nachhaltig verändern können.

Der Bank Blog: Seit wann gibt es Ihr Innovations-Team? Wie viele Mitarbeiter umfasst es?

Remigiusz Smolinski: Innovationen und Disruption sind strategisch wichtig für comdirect und es gab immer Mitarbeiter, die sich darum gekümmert haben. Mein derzeitiges Team besteht aus rund zehn Mitarbeitern und wird tatkräftig von der gesamten Organisation unterstützt.

Der Bank Blog: Welche Aufgaben hat Ihr Innovations-Team?

Wir bilden den gesamten Innovationsprozess ab, von der Ideengenerierung über die Selektion und Entwicklung bis hin zur Kommerzialisierung. So identifizieren und evaluieren wir relevante Innovationsthemen und setzen diese gemeinsam mit den Kollegen aus den Fachbereichen um.

Unternehmen suchen oft nach Innovation

Auf der schwierigen Suche nach Innovationen
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Der Bank Blog: Wo ist Ihr Innovations-Team angesiedelt? An wen wird berichtet? Wer im Vorstand ist zuständig? Wie kurz (oder lang) ist der Berichtsweg zum Vorstand?

Remigiusz Smolinski: Mein Bereich Business Development & Innovation Management ist direkt bei unserem Finanzvorstand Holger Hohrein angesiedelt und ich befinde mich im täglichen Austausch mit ihm. Darüber hinaus stehen wir natürlich im ständigen direkten Dialog mit unserem Vorstandsvorsitzenden Arno Walter.

Der Bank Blog: Verfügt Ihr Innovationsteam über ein eigenes Investitions-Budget?

Remigiusz Smolinski: Ja. Insbesondere beim Beschreiten neuer Wege benötigen wir dieses, um Pilotprojekte anzustoßen und ein Proof of Concept aufzuzeigen.

Der Bank Blog: Haben Sie ein Standardvorgehen/eine Checkliste zur Analyse und Prüfung von neuen Entwicklungen, Produktideen, Innovationen etc.? Können Sie uns diese kurz beschreiben? Können Sie diese zur Verfügung stellen?

Unser Innovationsmanagement basiert im Kern auf drei Elementen: Dem internen Ideenmanagementtool, unserem Innovationsradar sowie in der Umsetzungsphase der comdirect Startup Garage. Auf diese Art und Weise greifen wir interne und externe Produktideen, Technologien und Geschäftsmodelle frühzeitig auf. Wir evaluieren diese systematisch anhand von vielfältigen Kriterien wie z.B. dem Marktpotenzial und der Realisierungskomplexität. Fällt das Ergebnis positiv aus sind wir in der Lage, die Konzepte schnell umzusetzen.

Der Bank Blog: Testen Sie neue Ideen mit Kunden? Falls ja, wie?

Remigiusz Smolinski: Wir setzen in unseren Projekten zunehmend auf agiles Projektmanagement, verfolgen Design-Thinking-Prozesse und nutzen Minimum-Viable-Products, um maximale Lerneffekte mit minimalem Aufwand zu generieren. Bei alldem stehen die Nutzer im Mittelpunkt. Deshalb testen wir neue Ideen beispielsweise durch unsere Kunden-Community so früh wie möglich. Anhand des Feedbacks entscheiden wir über die Weiterentwicklung unserer Ideen und Produkte.

Wir sind offen für die Zusammenarbeit mit FinTechs

Der Bank Blog: Arbeiten Sie bei Innovationen mit externen Unternehmen zusammen? Falls ja, mit welchen (Typen)?

Remigiusz Smolinski: Wenn wir denken, dass wir durch externe Unternehmen Innovationen für unsere Kunden schneller, kostengünstiger oder auch besser umsetzen können, sind wir sehr offen für Kooperationen. Hier gewinnen neben klassischen Dienstleistern natürlich FinTechs an enormer Bedeutung. Diese können uns Lösungen anbieten wie beispielsweise Gini für unsere smartPay App. Oder wir gehen mit ihnen Vertriebs- und Produktkooperationen ein, wie es zum Beispiel bei TopTrade der Fall ist. Des Weiteren agiert unsere Tochtergesellschaft ebase auch als White-Label-Partner Bank für FinTechs wie easyfolio.

Der Bank Blog: Kaufen Sie White-Label-Lösungen ein? Haben Sie derzeit welche im Einsatz? Falls ja, welche?

Remigiusz Smolinski: Wir kaufen auch White-Label-Lösungen ein und nutzen derzeit beispielsweise Meniga für unseren Persönlichen Finanzmanager oder PurpleView für unser Video-Ident-Verfahren.

Der Bank Blog: Welche Bedeutung messen Sie den Trends Big Data, Biometrie, Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz und Blockchain-Technologie zu? Gibt es dazu konkrete Projekte?

Remigiusz Smolinski: Alle Themen sind für uns relevant. Im einzelnen:

Big Data: Wir sprechen anstatt von Big Data im Finanzbereich lieber von Smart Data, weil es nicht darum geht, alle und möglichst viele Daten auszuwerten, sondern die richtigen Daten zielführend zu nutzen. Dabei geht es für uns vor allem um das Thema Predictive Analytics, d.h. intelligente Algorithmen, mit deren Hilfe sich aussagekräftige Muster und Abhängigkeiten in Datenbeständen identifizieren lassen, um Rückschlüsse auf zukünftige Ereignisse möglich zu machen. Es laufen bereits erste Projekte in diesem Bereich. Trotz des enormen Potenzials dürfen wir nicht vergessen, dass wir für eine Kundenakzeptanz deutliche Mehrwerte vermitteln müssen und die Datensicherheit dabei unbedingt gewährleistet sein muss. Das Thema ist für uns höchstrelevant.

Biometrie: Auch mit biometrischen Lösungen wie etwa der Gesichtserkennung oder der Authentifizierung per Tippverhalten beschäftigen wir uns aktuell. Die Technologien werden immer verlässlicher und auch die Kundenakzeptanz wird zukünftig durch erste Pilotangebote im Markt steigen.

Internet der Dinge: Das Internet der Dinge wird kommen und ist perspektivisch für uns interessant. Deshalb engagieren wir uns auch im Verein Connected Living, um aktuelle Entwicklungen aufzunehmen und uns mit anderen Mitgliedsunternehmen branchenübergreifend dazu auszutauschen.

Künstliche Intelligenz: Künstliche Intelligenz ist für uns stark mit Smart Data verbunden und ein entscheidendes Element meiner Version des Bankings 2025. Sie wird neben intelligenten Algorithmen eingesetzt werden, um Finanzentscheidungen zu optimieren.

Blockchain-Technologie: Die Blockchain-Technologie ist wesentlich interessanter als Kryptowährungen wie Bitcoin und wird die Finanzbranche durch effizientere und kostengünstigere Abwicklungen von Prozessen nachhaltig verändern. Hier ist neben der Zahlungsabwicklung vor allem das Wertpapiermanagement höchst relevant für uns.

Der Bank Blog: Ein wesentliches Element von Innovationen sind ja die damit verbunden Risiken. Gemeinhin wird ja gesagt, dass von 10 neuen Ideen 8-9 scheitern. Wie würden Sie Ihr Risikomanagement beschreiben?

Remigiusz Smolinski: Im Rahmen unseres agilen Projektmanagements und dem MVP-Ansatz (MVP = Minimum Viable Product) haben wir gelernt, Risiken in Kauf zu nehmen und auch eine gewisse Fehlerkultur bei comdirect zu etablieren. Dennoch sind wir natürlich auch an regulatorische Auflagen gebunden.

Der Bank Blog: Welches sind die entscheidenden Aufgaben in Ihrem Bereich für die kommenden 12 Monate?

Remigiusz Smolinski: Zum einen müssen wir das entstandene Momentum bei gestarteten Innovationsprojekten nutzen und weiter ausbauen. Zum anderen muss es uns weiterhin gelingen, die relevantesten Innovationsthemen für uns zu identifizieren und diese umzusetzen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass uns dies gelingt, weil wir hier sehr gut aufgestellt sind

Der Bank Blog: Herzlichen Dank für das Gespräch.

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Über den Autor

Dr. Hansjörg Leichsenring

Dr. Hansjörg Leichsenring befasst sich seit über 30 Jahren beruflich mit Banken und Finanzdienstleistern. Nach Banklehre und Studium arbeitete er in verschiedenen Positionen, u.a. als Direktor bei der Deutschen Bank, als Vorstand einer Sparkasse und als Geschäftsführer eines Online Brokers.Aktuell bietet er Banken und Finanzdienstleistern Dienstleistungen im Bereich (Interims)Management und Beratung/Consulting an und vertritt die Firma Meniga, einen innovativen Anbieter von White-Label-Lösungen für Persönliches Finanz Management (PFM) im deutschsprachigen Teil Europas.Darüber hinaus hält er Vorträge bei internen und externen Veranstaltungen im In- und Ausland.

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