Deutschland: Ein Aktien-Entwicklungsland

Defizite bei Vermögensaufbau und Altersvorsorge

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Die Deutschen sind zurückhaltend, was das Investment in Aktien betrifft – insbesondere bei der Altersvorsorge. Bei unseren europäischen Nachbarn hingegen sieht das ganz anders aus. Mehr Bildung und die Digitalisierung können helfen, das zu ändern.

Aktien spielen eine wichtige Rolle bei Vermögensaufbau und Altersvorsorge

Aktien sollten bei Vermögensaufbau und Altersvorsorge eine wichtige Rolle spielen.

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Im internationalen Vergleich liegt Deutschland weit zurück, wenn es um das Investieren in Aktien geht. Dass dies kein europäisches Problem ist, zeigen unsere direkten Nachbarn: Die Niederlande haben weltweit den größten Anteil an Aktionären. International betrachtet liegen auch die US-Amerikaner und die Briten weit vor uns. Aber woran liegt das eigentlich?

Altersvorsorge mit dem Sparbuch

Für die Zurückhaltung der Deutschen gibt es mehrere Gründe. Im Wesentlichen liegt es an kulturellen Unterschieden. Wir sind hierzulande von jeher sehr risikoavers in Sachen Kapitalanlage, lieben das Sparbuch und die Versicherung. Kein Wunder also, dass wir zum Beispiel bei der Altersvorsorge in erster Linie auf die staatliche Rente und auf Versicherungen bauen. Dabei wird bei Versicherungen das Geld mehr oder weniger nur renditeschwach geparkt. Zudem sind die Versicherungen selbst von staatlicher Seite sehr stark eingeschränkt in ihren Möglichkeiten, in Aktien zu investieren. Andere Länder bauen wesentlich stärker auf Aktien, die dort kulturell besser verankert sind.

Aktiensparer im internationalen Vergleich

Ländervergleich des Anteils an Personen in der Bevölkerung, die in Aktien investie-ren.

Wir dürfen nicht übersehen, dass Aktien in der Bevölkerung mit dem Nimbus des Risikos belastet sind – viele Menschen hierzulande glauben, dass man damit nur Geld verlieren kann. Selbst viele Junge sind zurückhaltend. Zwar hatte sich während der Pandemie durch die Neobroker einiges getan, aber das ebbt inzwischen schon wieder ab. Für die meisten bleiben Aktien eine Zockerei. Sie sehen sie nicht als langfristige Möglichkeit der Altersvorsorge.

Mangelndes Grundlagenwissen bei der Jugend

Das Problem beginnt aber bereits in der Schule, wo es absolut keine Finanzbildung gibt. Die jungen Menschen werden ohne finanzielles Grundlagenwissen hinaus ins Berufsleben geschickt, werden dann aber sofort damit konfrontiert und müssen sich alle Kenntnisse in finanziellen Dingen selbst erarbeiten. Themen wie Steuern, Versicherungen, Altersvorsorge finden in den Schulen einfach nicht statt – ein Riesenmanko.

Damit verbaut man ihnen hinsichtlich Vermögensaufbau und Altersvorsorge große Chancen. Private Vorsorge ist unabdingbar, die staatlichen Versorgungssysteme (Rente) rasen aufgrund der allseits bekannten demografischen Entwicklung auf eine Wand zu. So müsste eine Aktienkultur auch politisch viel stärker gefördert werden. Denn tatsächlich zeigen Statistiken, dass über einen längeren Zeitraum von 15 bis 30 Jahren die Gefahr, mit Aktien Geld zu verlieren, gegen Null sinkt. Durch den alleinigen Fokus auf die kurzzeitigen Krisen (Dotcom-Blase, Finanzkrise) ist die Zurückhaltung der Deutschen zwar verständlich, aber faktisch basiert sie auf falschen Interpretationen.

Teilhabe an Unternehmenserfolgen

Anlegen in Aktien führt auch zu einer finanziellen Demokratisierung. Denn dadurch kann jeder – auch mit kleinem Geld – an der Wertschöpfung von erfolgreichen Unternehmen teilhaben. Und erfolgreiche Unternehmen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Die Digitalisierung fördert die Demokratisierung: Mit den Vermögensverwaltungsplattformen, die in den vergangenen Jahren online entstanden sind, ist das Eröffnen und Verwalten von Depots erheblich einfacher geworden. Es lässt sich inzwischen ohne großen Aufwand mit dem Smartphone erledigen. Außerdem bieten sich dadurch sehr viel mehr unabhängige Möglichkeiten als bisher, als man in eine Bank ging und dann gewöhnlich in den Anlagen, die mit Interessen dieser Bank verbunden waren, sein Geld anlegte. Heute gibt es zudem viele gut ausgebildete, unabhängige Beraterinnen und Berater. Allerdings ist ihre Anzahl und die der Bankfilialen durch die zunehmend strenge Regulierung in den vergangenen Jahren erheblich gesunken – eine Entwicklung, die wir unbedingt umdrehen sollten.

Es bleibt die Frage, wie wir die Deutschen mit den Aktien anfreunden können. Die Bildungslücken bei Schülerinnen und Schülern mit profundem Wissen über Fragen rund ums Geld zu füllen, ist Sache der Politik. Ebenso müsste der Staat das Investieren in Aktien durch die Bevölkerung stark fördern. Er müsste das Ansehen der Aktien heben, weil nur auf diese Weise das demografische Problem gelöst werden kann, vor dem Deutschland steht. Ohne eine kapitalgedeckte Altersvorsorge wird unser Rentensystem schlicht und einfach untergehen.


Der Beitrag ist Teil des Jahrbuchs 2023/24 des Vereins Finanzplatz Hamburg e.V.. Das Jahrbuch können Sie hier direkt herunterladen.

Über den Autor

Eric Wiese

Eric Wiese ist Geschäftsführer der NFS Hamburger Vermögen GmbH, einer in Hamburg ansässigen, BaFin-lizensierten Vermögensverwaltung. Er verfügt über 25 Jahre Erfahrung an den Kapitalmärkten und hat in der Zeit innovative Anlagestrategien und Dienstleistungen für Kunden und Investmentberater entwickelt.

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