Das Problem mit dem Risiko

Perspektiven unternehmerischer Entscheidungen

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Seit dem Platzen der Finanzblase haben Risikoindikatoren als Entscheidungshilfe Hochkonjunktur. Kaum ein Investor oder Finanzunternehmen ohne Dashboards mit verschiedenen Risikokennzahlen. Dabei gibt es nur ein Problem.

Risiko ist fester Bestandteil unternehmerischer Entscheidungen

Was als Risiko verstanden wird, hängt individuell und subjektiv vom Entscheider ab

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Jede Entscheidung birgt Risiken. Risiko ist dabei mehr als nur das Naturell von Entscheidungen. Es ist das Kennzeichen vom unternehmerischen Handeln. Entscheidungen erfolgen unter gedanklicher Vorwegnahme eines künftigen Zustands. Das unternehmerische Handeln bezweckt, eben diesen künftigen Zustand umzusetzen. So weit, so gut.

Doch: Es kann sein, dass der Zustand, auf den man zuarbeitet, nicht eintritt. Möglicherweise materialisieren sich Risiken. Neben dem Einwirken von außen auf die unternehmerische Handlung kann der Entscheider selbst die Quelle dieses Nichteintretens sein. Einerseits können sich die Zeitpräferenzen ändern, andererseits findet jede Entscheidung unter unvollständiger Information statt. Diese Risiken lassen sich nicht vermeiden. Sie gehören zur Natur des Entscheidens.

Risikoindikatoren erhöhen Transparenz

Was funktioniert: Die Risiken einer Entscheidung transparent zu machen. Genau dafür wurden die verschiedenen Risikokennzahlen entwickelt. Auf der einen Seite ermöglichen diese Indikatoren eine Informationsschlaufe. Der Entscheider informiert sich mittels Risikomaße über die potenziellen Auswirkungen, aber auch über die Umsetzung seiner Entscheidung. Auf der anderen Seite geben diese Zahlen Informationen über den Zustand der Umsetzung der Entscheidung.

Was aber nicht geht: Risikoindikatoren reduzieren keine Risiken. Das müssen sie auch gar nicht. Aber selbst das transparenteste Dashboard kann nur Aussagen über Zusammenhänge machen. Es kann die Zusammenhänge nicht ändern. Das gelingt wiederum Entscheidungen, die entsprechend andere Risiken bergen.

Zudem hat jeder Entscheider jeweils eigene, individuelle und subjektive Vorstellungen von Risiko. Typische Risiken bei Finanzanlagen sind Verluste, Wertschwankungen oder eine vergleichsweise herabfallende Performance. Jeder Investor priorisiert diese Risiken anders. Und braucht damit Risikomaße in jeweils anderer Wichtigkeit.

Risikoindikatoren: Eingeschränkt aussagefähig

Der traditionelle Risikoindikator der Kapitalmarkttheorie ist die Varianz beziehungsweise die Standardabweichung als Wurzel der Varianz. Das sind Volatilitätsmaße. Sie quantifizieren die Schwankungen einer Anlage im Vergleich zu einem mittleren oder einem Erwartungswert. Ein solches Verständnis versteht das Risiko einer Entscheidung als Abweichung von einem Plan. Die Volatilität interpretiert aber auch das Übertreffen des erwarteten Zustands als Risiko, da es außerhalb des Planes liegt.

Der Vergleich einer Anlage mit anderen oder mit einer wie auch immer definierten Marktentwicklung ist die Grundlage für Benchmark-Maße. Für sie ist das Zurückfallen der Rendite unter dem Vergleichsmaß ein Risiko. Allerdings blenden sie absolute Entwicklungen aus. Wenn etwa die Performance des Vergleichsmarkts um 10 Prozent einbricht, aber die eigene Investition nur um 8 Prozent, dann zeigen diese Maße kein Risiko an.

Das aussagekräftigste Risiko betrifft den Verlust. Der Value at Risk (VaR) berücksichtigt explizit die Konsequenzen einer besonders ungünstigen Entwicklung für die Entscheidung. Er ist definiert als Schadenshöhe, die in einem bestimmten Zeitraum mit einer festgelegten Wahrscheinlichkeit nicht unterschritten wird. Andererseits versteht dieses Maß Verluste, die weniger als den VaR betragen, nicht als Risiko.

Es kommt auf die Risikofähigkeit an

In der Praxis werden alle Risikoindikatoren miteinander verbunden. Doch da die einzelne Ausprägung des Risikos je nach Entscheider unterschiedlich wichtig ist, sind Konstruktionen nur bedingt hilfreich. Was aussagekräftig ist: Die Zeit, die man zur Verfügung hat, um sich vom Eintreten des Risikoereignisses zu erholen. Diese Zeit bestimmt die Risikofähigkeit des Entscheiders und damit, welche Risiken er priorisiert und welche Risikomaße er braucht.

Ein Investor mit einer langen Frist, zum Beispiel eine junge Person oder ein Family Office, hat Jahrzehnte Zeit, um eigetretene Verluste wieder wettzumachen. Ein VaR-Ansatz ermutigt sie, Entscheidungen zu treffen, die größere Erwartungswerte hervorbringen können, dafür aber riskanter sind. Andere Investoren, etwa Daytrader oder einige Versicherungen, fokussieren eher auf ihren Plan und haben nur wenig Zeit, Abweichungen wieder einzufangen. Für sie ist Volatilität ein aussagekräftiges Maß.

Investitionen sind unternehmerische Entscheidungen. Als solche sind sie ganz natürlich mit Risiko verbunden. Doch was als Risiko verstanden wird, hängt wie gesagt individuell und subjektiv vom Entscheider ab. Weder die Definition des Risikos noch sein Management können von Risikoindikatoren abgenommen werden. Es ist die zeitliche Perspektive, die die Risikofähigkeit einer Entscheidung bestimmt.


Der Beitrag ist Teil des Jahrbuchs 2022/23 des Vereins Finanzplatz Hamburg e.V.. Das Jahrbuch können Sie hier direkt herunterladen.

Über den Autor

Prof. Dr. Henrique Schneider

Henrique Schneider ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Nordakademie, Hochschule der Wirtschaft. Er wirkt in Aufsichtsräten von verschiedenen Versicherungen und Vermögensverwaltungen, meist als Mitglied oder Vorsitzender des Anlageausschusses. Seine Arbeitsschwerpunkte sind ökonomische Theorie, Technologie und alternative Anlagen.

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