Ein bisschen mehr Bescheidenheit, Deutsche Bank

Das Gehabe einer Großbank passt nicht zur derzeitigen Leichenblässe

Da ist sie nun, die große neue Strategie der Deutschen Bank. Der Befreiungsschlag von CEO Christian Sewing. Anknüpfend an frühere Strategieschwenks wird sie wortgewaltig verkündet. Dumm nur, dass die Bank zwischenzeitlich gehörig an Schwindsucht gelitten hat – und ihr Demut gut zu Gesicht stände.

Die neue Strategie der Deutschen Bank

Die Deutsche Bank hat sich mit „Compete to win“ eine neue Strategie verordnet.

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Deutsche Bank-Chef Christian Sewing liefert endlich. Die neue Strategie ist da, und wie aus dem Bilderbuch der Change-Kommunikation gibt es den monumentalen Wechsel in der Geschäftsstrategie auch als einprägsame Grafik. „Compete to win“ ist das neue Motto: konkurrieren um zu gewinnen. Dem obersten Chef scheint sein Werk gut zu gefallen. So lässt er sich mit selbstbewussten Worten zitieren:

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„Wir haben heute den grundlegendsten Wandel der Deutschen Bank seit Jahrzehnten angekündigt. Wir packen an, was notwendig ist, um unser wahres Potenzial freizusetzen: unser Geschäftsmodell, die Kosten, das Kapital und das Managementteam. Wir bauen auf unsere Stärken. Dies ist ein Neustart für die Deutsche Bank. “

Compete to win

Das muss man sich im Detail auf der Zunge zergehen lassen:

  • Der „grundlegendste Wandel seit Jahrzehnten“ wird verkündet. Wow. Ist die Deutsche Bank demnächst gar keine Bank mehr? Wohl kaum. Sie adjustiert ihre Geschäftsbereiche und fokussiert neu. Die Verzweiflung muss sehr groß sein, um so eine – ziemliche gewöhnliche – neue Ausbalancierung der Geschäftsbereiche als grundlegendsten Wandel seit Jahrzehnten zu verkaufen. Tatsächlich müht sich Sewing nach Kräften, die eigene Fallhöhe unnötig zu steigern. Das könnte sich schnell rächen…
  • Man „packt an, was notwendig ist“. Das ist ungefähr so als würde der Bäcker an seine Fensterscheibe schreiben, dass es frische Brötchen bei ihm gibt. Selbstverständlich sind Brötchen beim Bäcker frisch! Dass die Deutsche Bank eine derartige Banalität betont, lässt tief blicken. Dass offensichtlich niemand in Vorstandsnähe diese Blamage sieht, lässt noch tiefer blicken. Der Deutsche Bank-CEO sichert seinen Stakeholdern zu, dass die Bank Hygienefaktoren – Selbstverständlichkeiten – erfüllt. Der gute Mann scheint sich gerade eher mit den unwichtigen Dingen zu beschäftigen, wenn man seine Worte ernst nimmt…
  • Der Vergleich zwischen dem markigen Zitat und der Grafik zeigt ein großes Defizit: Pflichtschuldig klebt in der Mitte der Grafik ein weißer Punkt „client-centric“. Zugegeben, der Punkt ist recht klein geraten, aber er scheint das Zentrum der neuen Strategie zu sein. Das, was alle Aktivitäten verbindet. Sewing sind die Kunden keine Silbe wert, und man ahnt, dass der weiße Punkt in der Grafik wohl nicht nur versehentlich recht klein ausgefallen ist…
  • Und noch etwas fehlt. Sewing spricht vom Managementteam als große Stärke der Deutschen Bank. Auch hier spricht Bände, was nicht gesagt wird. Wo sind eigentlich die Mitarbeiter (also die, die mit Kunden sprechen)? Offensichtlich keine Stärke. Wertschätzung sieht anders. Nun mag es ja so sein, dass der Deutsche Bank-Chef von seiner Belegschaft nicht viel hält. Doch wer eine gewaltige Transformation mit einem grundlegenden Kulturwandel wahr machen will, kann das nicht gegen den Widerstand der Mitarbeiter machen. Wo ist in der gesamten Strategie eigentlich die Vision, an der sich die Mitarbeiter aufrichten können? Wo Motivation und Aufbruchstimmung entstehen? Die anderen Stärken – Geschäftsmodell, Kosten, Kapital – sind es auf jeden Fall nicht. Die luftigen Höhen in den Deutsche Bank-Türmen scheinen eine sorgfältige Entkoppelung von der Basis zu bewirken.
  • Nun ja, wollen wir mal nicht so streng sein. Immerhin liefert die neue Strategiegrafik eine Brotkrume für das gemeine Volk am Bankschalter. „Leadership and spirit“ – Führung und Geist – soll eine Stärke der Deutschen Bank werden. Gute Führung und der Geist eines Bankiers (statt eines Bankers) würde sicherlich Gegenliebe in der Belegschaft finden. Doch auch hier wird deutlich: Den schnöden Mitarbeitern wird von oben gegeben. Von unten sind keine Mehrwerte für das Überleben der Bank zu erwarten.
Die vier Phasen der neuen Deutsche Bank Strategie.

Die vier Phasen der neuen Deutsche Bank Strategie.

Bei aller Krittelei an der großen Strategieverkündung schwebt ein grundlegendes Problem über allem: die Attitüde, das Gehabe. Die Kommunikation der Strategie passt zu jemand, der aus der Stärke heraus neues Wachstum angeht.

Doch, bei aller Nachsicht, die Deutsche Bank hat ihre historische Stärke eingebüßt. Jahrelange Schwindsucht haben die Bank geschwächt. Sie hat an allen Fronten verloren: Wettbewerbsfähigkeit, Aktienkurs, Belegschaft, Mitarbeiter, Politik…

Wer Sewing hört, versteht eines ganz deutlich: Das scheint im Deutsche Bank-Vorstand noch nicht angekommen zu sein. Selbstbewusstsein beim Angang an den Strategieschwenk sollte zu spüren sein. Gerne aber auch eine Portion Demut. Eine Prise „Wir haben gelernt“ hätte weitergeholfen. So bleibt ein Kopfschütteln bei allen Beteiligten. Und der Unglaube an die bevorstehende Kehrtwende ist mit ihrer Verkündung bereits erweckt.

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Über den Autor

Jörg Forthmann

Jörg Forthmann ist Geschäftsführender Gesellschafter der Kommunikationsberatung Faktenkontor. Das Faktenkontor hat sich auf die Unternehmens- und Vertriebskommunikation spezialisiert und betreut eine Reihe namhafter Banken, Versicherungen und Finanzdienstleister. Auf Basis von fundierten Analysen entwickelt die Beratungsgesellschaft Handlungsempfehlungen für ihre Mandanten. Forthmann hat Wirtschaftsingenieurwesen studiert und das journalistische Handwerk im Axel-Springer-Verlag erlernt. Bei der Nestlé Deutschland AG arbeitete er in der Unternehmenskommunikation. Nach einem Wechsel als Pressesprecher zur Unternehmensberatung Mummert Consulting gründete er die Pressestelle des Hauses als PR-Beratung aus. Aus dieser Ausgründung ist das heutige Faktenkontor mit 30 Mitarbeitern in Hamburg, Frankfurt und Berlin entstanden.

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