Sustainable Finance ist kein Schutz gegen Nachhaltigkeitskrisen

Über die Grenzen des Finanzsektors

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Nach der Corona-Pandemie dominiert aktuell der Ukraine-Krieg die öffentliche Wahrnehmung. Und über allem schwebt die Klimakrise. Sustainable Finance als Ermöglicher von Nachhaltigkeit und als Krisenvermeider entpuppt sich zunehmend als reine Wunschvorstellung.

Sustainable Finance taugt nicht zur Krisenvermeidung

Sustainable Finance ist kein wirksamer Schutz vor Krisen.

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Es mutet schon beinahe schizophren an, was derzeit zu beobachten ist: Da gleisen EU-Kommission und -Parlament das historische größte Regulierungspaket in der Geschichte der EU auf (Aktionsprogramm Sustainable Finance) – und gleichzeitig häufen sich außerhalb des Finanzsektors Krisen in bislang unbekanntem Ausmaß und schrecklicher Dramatik.

Um Nachhaltigkeit ist es schlecht bestellt: „Heute spricht jeder über Nachhaltigkeit … Das ist bedeutungslos, weil die ökologische Tragfähigkeit der Erde bereits überschritten ist. Stattdessen müsste man über Widerstandskraft – Resilienz – sprechen, also darüber, wie eine schockresistente Entwicklung möglich ist“, so die Worte des Forschungspioniers in Sachen Nachhaltigkeit, Dennis Meadows („Grenzen des Wachstums“), in einem Interview mit der schweizerischen FINANZ und WIRTSCHAFT Ende 2009.

Desorientierte Erkenntnisse zur Rechtfertigung von Sustainable Finance …

Auffallend ist seit geraumer Zeit, dass Verfechter von Sustainable Finance und grünem Geld Krisen wie die COVID-19-Pandemie, den Ukraine-Konflikt, Klimawandel etc. immer wieder zur Rechtfertigung der zentralen Rolle des Finanzsektors als Transmitter für eine nachhaltige Welt und damit indirekt auch als Krisenbewältiger anführen. Dabei zeigen sie eine erstaunliche Renitenz in der Verweigerung einer (selbst)kritischen Reflektion ihrer Haltung gegenüber Realitäten.

… aus Lockdowns, Shutdowns und Quarantänen der COVID-19-Pandemie,…

Im Verlauf der COVID-19-Pandemie war zu beobachten, dass vor allem Studien von Finanzhäusern erschienen, die zeigen wollten, dass grüne Portfolios und Indizes pandemiebedingt wesentlich geringere Performanceverluste zu verzeichnen hatten als ihre konventionellen Pendants. Was außer Acht gelassen wurde, waren die eigentlichen Nachhaltigkeitswirkungen pandemiebedingter Mobilitätsbeschränkungen, Produktionsabsenkungen etc.: Es wurden Privaten, öffentlichen Stellen und Unternehmen Verhaltensänderungen staatlich auferlegt, die (nebenbei) zu massiven Rückgängen von Emissionen aller Art führten – und dies ohne dass ein einziger grüner Anlagen-Euro mobilisiert werden musste.

Eine Erkenntnis der COVID-19-Pandemie ist denn auch, dass den Rückgang an Emissionen nicht der Finanzsektor zu verantworten hat, sondern geändertes Verhalten im Real- und Staatssektor.

… dem Klimawandel bei anhaltendem fossilen Verbrauch, …

Wie der jüngste Fortschrittsbericht des Weltklimarates wieder eindrucksvoll belegt, ist der Treibhausgasausstoß nach wie vor zu hoch, um die Welt auf den klimafreundlichen 1,5︒C-Pfad zu führen. Auch diesbezüglich zeigt sich mittlerweile die Naivität grüner Anlagenpolitik, den so zentralen Fossil Free Impact zu erreichen. Zwar geben Ölkonzerne bekannt, sich von Förder- und Raffinerieanlagen zu trennen. Wo es geschieht, stehen aber bereitwillig Private Equity-Gesellschaften für Investitionen in die angeblichen Stranded Assets bereit. Kurioserweise sind sie finanziell gut gepolstert u.a. von institutionellen Investoren, die zuvor in medienträchtigen Fossil Free-Kampagnen Öl-Aktien abstießen, um sich hinterher an fossil investierenden Private Equity-Gesellschaften zu beteiligen.

Andere wichtige Player wie Staatsfonds arabischer und asiatischer Provenienz verspüren kaum Finanzdruck, um aus Öl und Erdgas auszusteigen, da ihre Gesellschaften entweder nicht börsennotiert sind oder geringen Free Float haben, was sie weitgehend immun gegenüber grünen Anlegerattacken macht. Und als Topping erleben wir im Zuge der Ukraine- und Russland-Krise, dass die Versorgung der kürzlich durch die Hintertür in die grüne EU-Taxonomie aufgenommenen Erdgas-Energie geostrategisch derart bedroht ist, dass Deutschland einen Aufschub des Kohleausstiegs und neue fossile Partner ernsthaft erwägt. Wie unschwer festzustellen ist, mangelt es auch in diesem Krisenbereich erheblich an Einflussmöglichkeiten des grünen Finanzsektors.

… und der europäischen Sicherheitskrise

Kommen wir zum schrecklichsten aller derzeitigen Krisen, dem von Russland angezettelten Krieg in der Ukraine. Ein Blick auf das waffenstarrende Russland (Nummer 2 der weltgrößten Rüstungsexporteure) führt unweigerlich zum Rüstungskonzern Almaz-Antey, ebenso wie andere russische Rüstungsunternehmen nicht an Börsen notiert, mithin also immun gegenüber grünen Finanzsanktionen. Das gilt mit Abstrichen auch für ein anderes waffenstarrendes Land, China, obwohl dort einige Rüstungsfirmen an Börsen notiert sind, aber Engagementstrategien behindern, u.a. weil der Staat hohe Anteile hält. Aber auch in Europa sind Staaten Miteigentümer an Rüstungskonzernen (z.B. bei Thales in Frankreich oder die Eidgenössische Waffenfabrik Bern der Schweiz) oder Rüstungsfirmen sind nicht börsennotiert – mithin also kaum durch grüne Finanzen sanktionierbar.

Obwohl die Rüstungsindustrie klassisch in grünen Fonds und Mandaten ausgeschlossen wird – die Rüstungsproduktion konnte das nicht eindämmen und den Krieg an Europas Ostflanke nicht verhindern. Und als „Aperçu“: In Anbetracht der erschreckenden Löcher in der Verteidigungsbereitschaft nicht nur Deutschlands wird aus dem „NO GO“ von Ethikfonds, Rüstungsgüter, dessen grüne Salonfähigkeit diskutiert, bis hin zur Aufnahme in die gerade erst vorgestellte soziale EU-Taxonomie. Ein weiteres Mal also Fehlanzeige für die Fähigkeit von grünem Geld, Krisen zu verhindern oder zu meistern und Nachhaltigkeit herzustellen.

Fazit: Der Finanzsektor kann kaum Krisen verhindern und die Welt retten

Der Finanzsektor als Verhinderer und Bewältiger von Krisen ist falsch adressiert, u.a. auch weil er oft genug selbst Krisen verursacht hat. Daran wird auch das Bürokratiemonster EU-Taxonomie und -Konsorten kaum etwas ändern. Bis auf ein geschärftes Bewusstsein von Finanzmarktteilnehmern und längst überfälligen Werkzeugen zum Management krisenbedingter systemischer Risiken steckt kaum Substantielles im Sustainable Finance-Programm. Im Gegenteil: Sustainable Finance kann den Blick dafür vernebeln, dass zuvorderst politische, verhaltensmäßige und innovative Schritte gefordert sind, um Krisen zu lösen und nachhaltiger zu werden. Der Finanzsektor hat dann dem Realsektor zu folgen – und nicht umgekehrt.

Über den Autor

Prof. Dr. Henry Schäfer

Prof. Dr. Henry Schäfer ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von EccoWorks GmbH, einer Beratungsgesellschaft für Sustainable Finance. Zuvor war er bis 2019 Ordinarius der Universität Stuttgart und Inhaber des Lehrstuhls „Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Finanzwirtschaft“. Eine besondere Bedeutung hat bis heute der Forschungsbereich „Sustainability & Finance“.

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