In einem ausführlichen Interview mit Fabian Flach von SAP habe ich über die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung gesprochen. Dabei standen u.a. die Potentiale innovativer Technologien sowie die Frage nach der „richtigen“ Vorgehensweise im IT-Bereich im Fokus.

Digitalisierungs-Kompass für Banken

Banken und Sparkassen müssen bei der digitalen Transformation den richtigen Kurs finden
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Am Rande des diesjährigen SAP-Forums für Banken und Versicherer hatte ich Gelegenheit, mit Florian Flach – Leiter des Bereichs Financial Services und Mitglied der Geschäftsleitung der SAP Deutschland – ausführlich über die digitale Transformation der Finanzbranche und IT-Management in Banken zu sprechen.

Fabian Flach ist Leiter des Bereichs Financial Services und Mitglied der Geschäftsleitung der SAP Deutschland

Im ersten Teil des Interviews ging es um die Merkmale des Bankings der Zukunft und die Voraussetzungen für eine erfolgreiche digitale Transformation. Im heutigen zweiten Teil stehen die Potentiale innovativer Technologien sowie die Frage nach der „richtigen“ Vorgehensweise im IT-Bereich im Blickpunkt.

Blockchain hat das Potenzial, Geschäftsprozesse radikal zu verändern

Der Bank Blog: Welche Bedeutung messen den Trends Big Data, Biometrie, Blockchain-Technologie, Internet der Dinge und Künstliche Intelligenz für den Bankbereich zu? Gibt es dazu konkrete Kundenprojekte in Deutschland?

Fabian Flach: Die von Ihnen aufgeführten Trends sind uns bekannt, wobei die verschiedenen Themen selbstverständlich einen unterschiedlichen Reifegrad haben – sowohl bei SAP als auch bei Banken.

Das Thema Big Data hat aktuell den größten Fokus. Alle Banken haben erkannt, dass eine einheitliche Datenbasis – für das Meldewesen, für analytische Aufgaben oder für Kundenangebote und -services in Echtzeit – der Schlüssel für das digitale Geschäftsmodell der Zukunft ist. Architekturlandschaften mit vielen Schnittstellen, unterschiedlichen Bereinigungs- und Transformationsschritten, sowie Replikationen von Datenbank zu Datenbank sind in den letzten Jahren historisch gewachsen und haben zu hohen Betriebskosten geführt. Die EZB hat mit ihren Initiativen, wie BCBS 239, BIRD, ERF und SDD, nicht nur das Meldewesen und die Datenqualität im Visier. Eine Vereinheitlichung der Prozesse kann auch hier dazu beitragen, die Kosten langfristig zu senken, und das bei gleichzeitiger Verbesserung der Datenqualität. Zunächst sind hohe Investitionen notwendig, die sich aus meiner Sicht aber schnell auszahlen.

Die Biometrie mit Verfahren wie z. B. Iris-Scan, Gesichtsgeometrie und das tippverhalten auf Tastaturen spielt bei den kommenden Sicherheitsanforderungen eine bedeutende Rolle. Wie bereits erwähnt, ist die Convenience für Kunden von hohem Interesse. Mit sicheren und komfortablen Verfahren wird die Akzeptanz digitaler Bank- und Servicegeschäfte weiter zunehmen. Hier sind sowohl die Kreditinstitute als auch SAP mit den entsprechenden Institutionen in Kontakt, um Teil eines bis dahin standardisierten, europäischen, vielleicht auch globalen Verfahrens zu werden.

Das Thema Blockchain hat das Potenzial, die Geschäftsprozesse radikal zu ändern – in einem Ausmaß, das wir alle noch nicht richtig einschätzen können. Die ATB Financial hat in Zusammenarbeit mit SAP, dem Finanztechnologieanbieter Ripple und der ReiseBank die erste echte internationale Blockchain-Zahlung von Kanada nach Deutschland getätigt. Die Bearbeitung eines solchen Zahlungsvorgangs hätte aufgrund der erforderlichen Abrechnung mit dem Kontrahenten und der Kontenabstimmung normalerweise zwei bis sechs Werktage in Anspruch genommen. Über das neue Netzwerk dauerte sie gerade einmal 20 Sekunden. Wir stehen hier zwar noch am Anfang, aber wir haben noch viele weitere Ideen mit hohem Potenzial.

Beim Thema Internet der Dinge sind wir froh, in einer globalen Organisation zu arbeiten, die davon profitiert, Know-how in über 25 Branchen sammeln zu können. Der Anwendungsbereich erstreckt sich über die Informationsversorgung und automatische Vertragserfüllung bis hin zu Warn- und Notfallfunktionen. Diese Möglichkeiten, kombiniert mit der Blockchain-Technologie, ermöglichen weitreichende Veränderungen auch für Banken. Diese Daten, integriert in Big-Data-Anwendungen, schaffen wiederum Vorteile, von denen ein Kunde profitieren kann. Viele Banken sehen dieses Potenzial noch nicht, weil die heute in Deutschland geltenden Datenschutzrichtlinien eine Hürde darstellen. International geht man bereits anders vor. In Deutschland sind solche Veränderungen ebenfalls möglich, wenn etwa die einfache Zustimmung des Kunden ausreichen wird, dass die Bank seine Daten verwenden darf, um ihm einen Mehrwert zu bieten.

Das Thema Künstliche Intelligenz ist so spannend wie die berühmten Science-Fiction-Filme aus den 90er Jahren, als die Roboter fast die Herrschaft über die Menschheit erlangten. Ich halte es für richtig, dass für die Forschung und Entwicklung beim Thema KI ethische, juristische und politische Grundsätze gelten sollen, um dem Missbrauch vorzubeugen. Andernfalls halte ich es, wie Stephen Hawkins, für eine enorme Gefahr für die Menschheit. Natürlich ist es ein Wettbewerbsvorteil für eine Bank, aus dem „normalen“ Business ein „Live Business“ zu machen. Mit Live-Daten und prädiktiven Analysen sind die Banken in der Lage, mehrere Entscheidungswege gleichzeitig zu visualisieren, Business-Szenarien zu vergleichen und Ergebnisse vorherzusagen. SAP setzt sich dafür ein, dass die Menschen von den Vorzügen der KI profitieren und KI-Anwendungen ethisch und juristisch vertretbar nutzen.

Regulatorik prägt die IT deutscher Banken

Der Bank Blog: Während SAP in Australien ANZ im innovativen Mobile Banking unterstützt, scheinen im Inland vor allem „langweilige“ Core-Banking-Technologien gefragt zu sein. Hat SAP im Stammland ein Imageproblem im Banking oder sind die Banken hierzulande einfach nicht innovativ genug?

Fabian Flach: Grundlage für innovative Projekte, insbesondere in Bezug auf die digitale Kundenschnittstelle, ist ein stabiles und performantes Core-Banking. Dies stellt die Basis dar, um bei der Umsetzung innovativer Projekte auch die effiziente und rechtssichere Abarbeitung von Transaktionen sicherzustellen. In Bezug auf den letztgenannten Punkt sind wir in Deutschland leider sehr geprägt von den regulatorischen Anforderungen, die den Banken aufgebürdet werden. Daher erfolgt eine natürliche Priorisierung der Themen, die mit immer weniger Fachpersonal umgesetzt werden müssen. Liegt der Fokus heute eher auf Anwendungen für die Banksteuerung, so sind es morgen mobile Anwendungen – die Digitalisierung macht vor keinem Bereich der IT-Architektur halt. Den Banken und auch SAP ist es bewusst, dass die anstehenden Themen mit Augenmaß anzugehen sind, um damit die Balance zwischen Compliance und Innovation zu halten.

Aktuelle Analysen zu Regulierung und Compliance finden Sie im Studienteil. Einfach auf das Bild klicken.

Banken haben eine Vielzahl unterschiedlichster IT-Partner

Der Bank Blog: Ist „Bank IT“ heute schwieriger als früher? Wie komplex sind heutzutage IT-Projekte in Banken?

Fabian Flach: In den Zeiten, als es noch zeilenbasierte Anzeigesysteme gab, war alles anders. Heute haben wir eine Vielzahl von Abhängigkeiten, gewachsene Systeme – mehr oder weniger gut dokumentiert – und die unterschiedlichsten Fähigkeiten, um die Aufgaben zu bewältigen. Die Kunst besteht darin, mitzuwachsen und sich den Herausforderungen zu stellen. Daher investieren wir insbesondere in die Fähigkeiten unserer Mitarbeiter und unterhalten ein breites Partner-Netzwerk. Bei jedem Projekt gibt es ein Team aus Kunde, Partner und SAP – in Vertrieb, Support, Entwicklung, Architektur und Fachbereich. Und hier gilt dasselbe wie beim Design-Thinking: Kreativität und Innovation entstehen durch das gemeinsame Arbeiten in einem Team. Da kann die Aufgabe noch so komplex sein – wo ein Wille ist, findet sich auch ein Weg. Mit einer positiven Einstellung und dem richtigen Projektmanagement können alle IT-Projekte erfolgreich umgesetzt werden.

Der Bank Blog: Wie viele IT-Partner hat eine deutsche Bank im Durchschnitt?

Fabian Flach: Diese Frage lässt sich schwer pauschal beantworten. Ich glaube, dass es wichtiger ist, die Partner nach ihren Fähigkeiten zu klassifizieren. Es gibt kleine Firmen, lokale oder global agierende Partner und Spezialisten für die unterschiedlichsten Aufgaben. Es hängt immer von der Aufgabenstellung ab. Aber wenn Sie mich danach fragen, wie viele strategische IT-Partner eine Bank hat, so glaube ich, dass diese an zwei Händen abzuzählen sind.

Der Bank Blog: Man hört immer häufiger die Schlagworte „Open Banking“ und „Offene Bank API“. Was ist davon zu halten?

Fabian Flach: Eingangs habe ich bereits erwähnt, dass der Megatrend Konnektivität einer der wichtigsten Merkmale der digitalen Transformation ist. Voraussetzung ist die technische Fähigkeit (über APIs oder Business Services), andere Systeme und Services nahtlos in die eigene Wertschöpfungskette zu integrieren, ohne dass es auf Kosten der Convenience des Kunden geht. Grundsätzlich sollten die Geschäftsprozesse so steuerbar sein, dass die Agilität der Bank bei sich ändernden Wettbewerbsbedingungen oder Kundenbedürfnissen gewährleistet bleibt. Eine moderne Software verfügt bereits heute über die entsprechenden Voraussetzungen, so dass diese Möglichkeiten in einer digitalen Strategie berücksichtigt werden können. Ich halte es daher für eine Grundvoraussetzung einer erfolgreichen digitalen Transformation, diese offenen Schnittstellen zu nutzen und diese Überlegungen in die Unternehmensstrategie einfließen zu lassen. In diesem Zusammenhang wird nochmals deutlich, wie wichtig es ist, über ein stabiles und performantes Kernsystem zu verfügen – als Grundlage für den gezielten Einsatz von APIs oder Business Services.

Unterschiedliche Geschwindigkeiten bei der digitalen Transformation

Der Bank Blog: Wie viel Zeit haben die Banken noch für die digitale Transformation?

Fabian Flach: Alle Banken in Deutschland beschäftigen sich mit dem Thema digitale Transformation – sie bewegen sich nur nicht alle im gleichen Tempo. Viele erkennen die Chance, dass gerade durch die Regulatorik auch Synergien mit anderen Projekten zu nutzen sind, bei denen es um Digitalisierung und Innovationen geht. Firmen, die überdurchschnittlich erfolgreich sind, haben alle eine Datenbasis, mit deren Hilfe sie geschickt immer wieder in den direkten Kundenkontakt treten. Die Banken haben erkannt, dass sie diese Chance auch haben. Da aber jede Bank eigene Prioritäten und spezifische Architekturen hat, kommt es zu dem unterschiedlichen Tempo. Wir unterstützen die Banken in allen Themenbereichen dabei, auch künftig ihr zentrales Werteversprechen zu halten und das Vertrauen ihrer Kunden zu rechtfertigen. Außerdem bringen wir Finanzinstitute mit Unternehmen aus anderen Branchen zusammen, um gemeinsam neue Formen der Kooperation und damit verbundene neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Der Bank Blog: Herzlichen Dank für das Gespräch.


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