Bei der Umsetzung von PSD2 brennt es derzeit an vielen Ecken und Enden. Es bestehen unterschiedliche Einschätzungen von Banken, Zahlungsdienstleister und FinTechs. Der Bank Blog hat sich dazu mit Francis Pouatcha, Mitglied des Advisory Boards der Berlin Group unterhalten.

An der Umsetzung von PSD2 scheiden sich die Geister

An der Umsetzung von PSD2 scheiden sich aktuell die Geister in der Finanzbranche.

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An PSD2 scheiden sich die Geister: Banken reklamieren, alles umgesetzt zu haben, FinTechs und andere sehen das nicht so. Schließlich hat die BaFin eingegriffen und den Termin für die Umsetzung der Kontoschnittstellen gemäß PSD2 erstmal auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Arbeiten könnten zu einer Sisyphus-Aufgabe werden.

Eigentlich sollte dies durch die Berlin Group verhindert werden, hatte sie sich doch zum Ziel gesetzt, die Anforderungen der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank und des European Payments Council (EPC) an Kartenzahlungen in einem Binnenmarkt für den Euro-Zahlungsverkehr  im Bereich der Standardisierung der Schnittstelle zwischen Acquirer- und Issuer-Hostsystemen umzusetzen.

Fragen zu PSD2 an Francis Pouatcha, CTO von Adorsys

Francis Pouatcha studierte nach seiner Ausbildung in Kamerun in Erlangen Wirtschaftsinformatik und war von Anfang an auf Java-Entwicklung spezialisiert. 2006 gründete er die Firma adorsys und arbeitet seitdem erfolgreich mit unterschiedlichen Kunden aus der Finanzindustrie zusammen. Vor kurzem wurde er in die Expertengruppe der Sektion „IT Solution Provider“ gewählt. Der Bank Blog hat die Gelegenheit genutzt und sich mit ihm über die sich dort stellenden Aufgaben und die aktuellen Entwicklungen rund um PSD2 unterhalten.

Francis Pouatcha ist Gründer und CTO von Adorsys.

Die Berlin Group will den Zahlungsverkehr harmonisieren

Der Bank Blog: Erklären Sie unseren Lesern doch bitte in 2-3 kurzen Sätzen Funktion und Aufgabe der Berlin Group.

Francis Pouatcha: Die Berlin Group ist eine europaweite Initiative für Interoperabilitäts-Standards und Harmonisierung im Zahlungsverkehr. Sie vertreten das Ziel offene und gemeinsame Standards für den Interbankenverkehr zu definieren. Sie hat sich als reines technisches Normungsgremium etabliert, welches sich auf detaillierte, technische und organisatorische Anforderungen konzentriert.

Derzeit sind 25 wichtige Akteure der Zahlungsverkehrsbranche aus 10 verschiedenen Ländern der Eurozone, und weitere Nachbarländer außerhalb der EU an der Sitzung beteiligt.

Es sind aber nicht nur Vertreter von Banken dabei. Es wirken ebenfalls Banken- und Zahlungsverbände, nationale und internationale Zahlungsdienstanbieter und Interbank-Zahlungsabwickler, die im SEPA-System tätig sind mit.

Wir fungieren als eine Brille zwischen den Gremien und dem Markt.

Der Bank Blog: Worin besteht für Sie der Vorteil einer Mitarbeit in den Gremien der Berlin Group?

Francis Pouatcha: adorsys fokussiert sich seit 2017 verstärkt auf die Entwicklung von Open Source XS2A-APIs. Wir haben bereits mehrere Softwarelösungen für Banken, als auch für Third-Party-Provider (TPP) auf dem internationalen Markt implementiert. Durch die Mitgliedschaft im Berlin Group Advisory Board und auch im NextGenPSD2 Implementation Support Programme (NISP) bildet adorsys eine Brücke zwischen Kunden und den wichtigsten PSD2-Gremien.

Man kann es als eine Brille zwischen den PSD2-Gremien und dem Markt ansehen: Wir beschäftigen uns mit den Herausforderungen unserer Kunden und tragen diese an die Gremien weiter. Im Umkehrschluss können wir unsere Kunden mit den neuesten Entscheidungen, die in den Gremien beschlossen wurden, direkt versorgen – sei es durch den persönlichen Kontakt oder direkt durch die Implementierung der Updates in unsere Softwarelösungen.

Der Input hat unseren Kunden sehr weiter geholfen. Wir haben bisher auch großartiges Feedback von unseren Kunden erhalten. So haben alle Banken, welche unsere XS2A-Lösung im Einsatz haben, die Compliance-Richtlinie erfüllt. Und das sind über 52 Banken.

Die französische Großbank „BNP Paribas“ hat uns sogar mitgeteilt, dass die Consorsbank, wie auch die DAB Bank die sog. Exemtion der französischen NCA erhalten hat.

Banken dürfen TPPs nicht als „Gegner“ sehen

Der Bank Blog: Welches sind die aktuellen Herausforderungen der Berlin Group im Hinblick auf PSD2?

Francis Pouatcha: Gerade jetzt, wo viele Banken Probleme haben, die PSD2-Regularie bis zur vorgegebenen Deadline, dem 14. September 2019 umzusetzen, ist der Austausch von großer Bedeutung.

PSD2 wird auch nach der genannten Deadline ein Thema sein. Banken sollten sich nicht mit der Implementierung der vorgegebenen XS2A-Schnittstelle zufrieden geben. Sie sollten etwas daraus machen!

Der Bank Blog: Nun hatten die Banken und Sparkassen ja über die Deutsche Kreditwirtschaft eigentlich schon vor einiger Zeit grünes Licht im Hinblick auf die Umsetzung von PSD2 gegeben. Sie sprechen nun von Problemen. Welche sehen Sie denn konkret?

Francis Pouatcha: Die Zeitschiene hat die technischen Details einer Migration existierender Anwendungen nicht vorgesehen.

Der Bank Blog: Die BaFin hat die radikale Umsetzung von PSD2 erstmal ausgesetzt, aber noch keinen neuen Termin genannt. Mit welchem neuen Zeitplan rechnen Sie?

Francis Pouatcha: Mir ist nicht bekannt, dass die Umsetzung von der BaFin ausgesetzt wurde. Die BaFin hat die Banken im Hinblick auf eine sanftere Migration bestehender Anwendungen darum gebeten, existierende Schnittstellen weiterhin laufen zu lassen.

Der Bank Blog: Was wird bis zu einer neuen Umsetzungsfrist von den Beteiligten (Kreditinstitute, FinTechs, Zahlungsdienste etc.) noch zu erledigen sein?

Francis Pouatcha: An erster Stelle steht die Stabilisierung der neuen XS2A Schnittstelle. In Zuge dessen sind weitere Tests mit den eigentlichen Akteuren, den TPPs notwendig. Außerdem ist wird es notwendig sein, den bisherigen Funktionsumfang durch die Anzeige von Daueraufträgen und die Auskunft über den Kontoinhaber (Name, Adresse) zu erweitern.

Der Bank Blog: Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie da für die Akteure, damit am Ende des Prozesses alle mit dem Ergebnis zufrieden sind?

Francis Pouatcha: Entscheidend ist eine offene Kooperation zwischen TPPs und Banken. Banken dürfen TPPs nicht als „Gegner“ oder „Konkurrenten“ sehen. Vielmehr als Kooperationspartner, um ihren Kunden einen stetig besseren und innovativeren Kundenservice zu bieten. Denn die „wirkliche Konkurrenz“ schläft nicht.

PSD2 ist Chance für eine Markterweiterung

Der Bank Blog: Wenn denn eines Tages die Umsetzung von PSD2 abgeschlossen sein sollte, wo sehen Sie die besonderen Chancen aber auch Risiken für die Banken und Sparkassen?

Francis Pouatcha: Das Ziel der Regulierung ist doch, ein Miteinander aller Marktteilnehmer zu schaffen. Wir sehen PSD2 durchaus als große Chance für alle Marktteilnehmer. Banken sollen mit Versicherungen kooperieren, oder Retailer mit Versicherungen, oder, oder, oder. Es gibt so viele Möglichkeiten.

Der Bank Blog: Und für die anderen Beteiligten, wie FinTechs oder Zahlungsdienstleister?

Francis Pouatcha: Für FinTechs und Zahlungsdienstleister gilt das gleiche wie für Banken und Sparkassen. Sie sollen PSD2 als Chance für eine Markterweiterung sehen.

Der Bank Blog: PSD2 wird ja nur ein Zwischenschritt der Europäischen Kommission zur Stärkung des Wettbewerbs und der Kundenposition im Zahlungsverkehr sein. Welche weiteren Maßnahmen erwarten Sie?

Francis Pouatcha: Eine Regulierung des Identitätswesens würde die Prozesse und Abläufe von Banken und TPPs deutlich vereinfachen. Input für die Ausarbeitung eines einheitlichen rechtlichen Rahmens sehe ich im Kompetenzbereich der EBA.

Der Bank Blog: Vielen Dank für das Gespräch.

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