Junge Technologieunternehmen fördern mit innovativen Finanzlösungen nachhaltige Ziele. Die Branche trotzt dem makroökonomischen Abschwung und setzte ihr Wachstum im Jahr 2022 fort. Berlin zählt zu den wichtigsten Standorten für ESG-FinTechs in Europa.

Immer mehr FinTechs setzen auf ESG als Schwerpunkt

Immer mehr FinTechs setzen auf ESG als Schwerpunkt.

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Die Finanzbranche hat eine große Verantwortung bei der Erreichung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Zielen (ESG). Durch Investitionsentscheidungen und Finanzierungen hat sie direkten Einfluss auf die Entwicklung und den Einsatz von Technologien, die für die Erreichung der Klimaziele wichtig sind. Zudem können nachhaltige Finanzlösungen private Verbraucher und Unternehmen dabei unterstützen, nachhaltiger zu agieren.

ESG-FinTechs liegen im Trend

Innovative FinTechs, die mit technologischen Lösungen Finanzdienstleistungen erbringen, können oft schneller Innovationen vorantreiben als große Finanzinstitute –  insbesondere durch ihren klaren Fokus auf die Lösung spezifischer Herausforderungen, höhere Flexibilität im Bereich von Regulatorik und Compliance-Anforderungen sowie das Fehlen von Legacy-Systemen. In den letzten Jahren gab es eine Vielzahl an Gründungen an der Schnittstelle von ESG und FinTech, von denen auch etablierte Akteure profitieren können.

Entsprechend hat die Branche in den letzten Jahren ein starkes Wachstum erlebt. Eine Studie von EY-Parthenon hat im Herbst 2022 das europäische ESG Fintech-Ökosystem analysiert und dabei insgesamt fast 300 ESG FinTechs identifiziert, was einen Anteil von etwa 5 Prozent aller europäischen FinTechs darstellt.

Nachhaltigkeit umfasst mehr Themen als Klimaschutz

Unter nachhaltiger Transformation findet das Thema Klimaschutz zumeist die höchste Aufmerksamkeit. Etwa 75 Prozent der europäischen ESG FinTechs haben sich das Ziel gesetzt, zur Erreichung unserer gesellschaftlichen Klimaziele beizutragen. Aber auch soziale Zwecke (S), wie etwa finanzielle Inklusion, fallen in die Gruppe der nachhaltigen ESG-Ziele. So sind etwa 60 Prozent der europäischen ESG FinTechs auch in diesem Bereich aktiv. Etwa ein Drittel der Unternehmen unterstützt zudem die Förderung von fairer und werteorientierter Unternehmensführung (G). Viele der FinTechs sind in mehreren der genannten Bereiche aktiv.

Der Bedarf nach nachhaltigen Finanzlösungen ist vielfältig

Die Finanzbranche bietet ein breites Spektrum an Ansatzpunkten zur Förderung der nachhaltigen Transformation. Das spiegelt sich auch in der Vielfalt der ESG FinTech Geschäftsmodelle wider.

Wie in allen wirtschaftlichen Veränderungsprozessen spielt auch bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Erreichung von ESG-Zielen die Messung des Status Quo und des Fortschritts eine zentrale Rolle. Dafür braucht es verlässliche Datenquellen und Erhebungsmethoden, welche von mehr als 90 datenverarbeitenden ESG FinTechs in Europa aufbereitet und analysiert werden.

Das nächstgrößere Cluster an Geschäftsmodellen bilden Investitions-Plattformen (30), welche den Marktzugang zu individuellen Investitionen in ESG-Projekte verschaffen oder via Robo Advisors / Wealth Management ihren Kunden aktiv verwaltete ESG-Portfolios anbieten. Weitere relevante Geschäftsmodelle sind auf Nachhaltigkeit fokussierte Neobanken oder Lösungen zur CO2-Kompensation.

Zu unterscheiden sind B2B-Modelle, welche weitgehende Datenanalysen und C02-Kompensationslösungen anbieten und B2C-Modelle, welche für Privatkunden ESG-Anlageberatung oder Algorithmen zur Bestimmung des CO2-Fußabdrucks aus einer Analyse der Zahlungshistorie eines Girokontos ableiten.

London, Berlin und Paris sind die wichtigsten Standorte für ESG FinTechs

In Europa haben sich in den letzten Jahrzehnten zentrale Hubs mit einer hohen Konzentration an Start-ups aus sämtlichen Branchen gebildet. Berlin kann sich mit 19 ESG FinTechs neben den Finanzmetropolen London und Paris als einer der europäischen Hubs behaupten. Weitere hohe Aktivität findet sich zudem in Skandinavien und in Italien.

16 europäische Länder waren Gegenstand der Studie: Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden, Schweiz, Spanien und das Vereinigte Königreich.

Die Branche setzt ihr Wachstum mit Rekordinvestitionen in 2022 fort

Mit einem zunehmenden gesellschaftlichen Bewusstsein für die Notwendigkeit der Förderung nachhaltiger Zwecke wachsen seit Jahren auch die Investitionen in die ESG FinTech Branche. Seit 2016 steigen die Investitionen in ESG FinTechs stark – ein Grund dafür ist auch der European Green Deal im Jahr 2020, welcher die Investitionen in den Jahren 2021 und 2022 weiter gefördert hat. In den ersten drei Quartalen im Jahr 2022 wurden mehr als 641 Millionen Dollar investiert, im Jahr 2021 waren es demgegenüber 844 Millionen Dollar. Auch wenn das eingesammelte Kapital sich häufig auf einige wenige große Investments konzentriert, nehmen auch die übrigen Investitionen in durchschnittlicher Höhe und Anzahl zu.

Ausblick: ESG-FinTechs haben Potential

Auch für die kommenden Jahre erwarten wir trotz des schwierigen makroökonomischen Umfelds weitere umfangreiche Investitionen und sieht insbesondere für Finanzierungsrunden und Übernahmen in den Bereichen Datenverarbeitung, CO2-Kompensation, Vermögensverwaltung und InsurTech noch großes weiteres Potential. Ein Grund hierfür ist, dass auch etablierte FinTechs häufig erst einige Zeit nach ihrer Gründung die ESG-Nische als zentralen Markenwert für sich entdecken. Ein gutes Beispiel sind dabei etwa Neobanken, die ihre Produktpalette zunächst um grüne Wertpapiere oder Anlageprodukte erweiterten, bevor sie dann Nachhaltigkeit immer weiter in den Mittelpunkt ihres Produktangebots rückten.

Etwa die Hälfte der identifizierten ESG FinTechs in Europa wurde erst in den vergangenen drei Jahren gegründet. Je reifer das ESG FinTech-Ökosystem wird, desto mehr Innovationen wird es hervorbringen. Ein Beispiel sind etwa fortschrittlichere und leistungsfähigere Datenmodelle sowie verbesserte Transparenz und Zuverlässigkeit von ESG- und Portfoliobewertungen. Außerdem werden RegTech-Startups noch effizienter und passgenauer Unternehmen dabei helfen, ihre regulatorischen Pflichten zu verstehen und den regulatorischen Aufwand der Einführung von ESG-relevanten Produktangeboten für Kunden zu verringern.


Daniel Molis

Daniel Molis ist Koautor des Beitrags. Er ist Director im Team Transaction Strategy & Execution bei EY und berät Finanzdienstleister mit Fokus auf Innovation/FinTechs, insbesondere im strategischen, operativen und regulatorischen Umfeld – z.B. im Rahmen von Transformations- oder Due Diligence-Projekten.

 

 

Andreas Wittkop

Andreas Wittkop ist Koautor des Beitrags. Eer ist Manager im Team Transaction Strategy & Execution bei EY mit Schwerpunkten auf den Themen Banking & Payments und Digital Assets.