Digitalisierung und das Internet der Dinge sind auf dem Vormarsch. Im Banking-Bereich könnten IoT-Technologien zum sogenannten „Banking of Things“ führen und Finanzinstituten die Möglichkeit geben, ihr Produktportfolio fundamental zu erweitern und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

 

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Perspektiven für das Internet der Dinge im BankingDigitalisierung und das Internet der Dinge (Internet of Things – IoT) halten Einzug in unser Privatleben und in alle Gesellschafts- und Wirtschaftsbereiche. Laut einer aktuellen Gartner-Studie werden wir im Jahr 2017 weltweit von circa 8,4 Milliarden vernetzten Endgeräten, wie Smartphones, Smart-Watches, Wearables und Connected Cars, umgeben sein, die einen Umsatz von etwa 2 Billionen US-Dollar erwirtschaften. Insbesondere traditionelle Branchen, wie beispielsweise Banken, müssen sich mit dieser Entwicklung aktiv auseinandersetzen. Sollten diese es nicht schaffen, die technologischen Möglichkeiten zu nutzen, riskieren sie, durch neue aufstrebende Akteure im Finanzwesen angegriffen und möglicherweise verdrängt zu werden. „Banking of Things“ könnte es Finanzinstituten ermöglichen,  ihr Leistungsangebot grundlegend zu erweitern und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Herausforderungen und Chancen für Banken im digital vernetzten Leben

Die „Machine2Machine“-Konnektivität zwischen vernetzten Geräten verändert Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft maßgeblich und nachhaltig. Die Digitalisierung hat bereits sogenannte „Digital Only Banks“ hervorgebracht, also Finanzinstitute, die ihre Geschäftsmodelle und –prozesse rein online-basiert und digital betreiben. Für Banken wird es jedoch nicht ausreichen, lediglich digitaler als bisher zu sein, also mobile Applikationen bereits existierender Produkte und Services zu entwickeln, um mit der Zeit der Digitalisierung zu gehen. Finanzinstitute müssen sich vielmehr im Zentrum der neuen vernetzten Systeme positionieren und ihren Kunden mehr bieten als reine Zahlungstransaktionen. Sie müssen den Kunden zur richtigen Zeit, mit den richtigen Informationen zur Seite stehen und bei der Entscheidungsfindung proaktiv unterstützen. Sie müssen neue Ansatzpunkte finden und darauf aufbauend innovative Geschäftsmodelle entwickeln, um die Chancen der Digitalisierung und des IoT zu nutzen und ihren Kunden in der gesamten „Customer Journey“ ein innovatives Banking-Erlebnis bieten zu können.

Smart Home: Ansatzpunkte für neue Banking-Leistungen

Ein vielversprechender Anwendungsbereich digital vernetzter Banking-Lösungen ist das Smart Home, also der Einsatz digital vernetzter und intelligenter Systeme in Wohnräumen. Der Markt wurde gerade erst mit den Produkten amerikanischer Technologievorreiter geflutet, beispielsweise mit dem intelligenten Lautsprecher „Amazon Echo“, Produkten von „Google Home“ und der iOS-App „Home“ von Apple, die mittels Sprachsteuerung Zugriff auf verschiedene Dienste wie Musik-Streaming, Nachrichten oder Rezeptdatenbanken bieten. Es zeigt sich, dass mittlerweile auch ein Markt für weniger futuristische, bezahlbare, einfach einzurichtende und im besten Fall nachrüstbare Lösungen vorhanden ist. Preise zwischen 50 und 300 Euro für aktuelle Systeme zur Hausautomatisierung, Produkt-Premieren auf Messen wie der IFA und der CES sowie eine größere Präsenz von Artikeln im Handel sorgen dafür, dass die Lösungen auch den Massenmarkt erreichen und immer mehr Kunden an Connected Living-Technologien interessiert sind.

Im Connected-Living-Showroom in Berlin werden die Möglichkeiten des digital vernetzten Lebens in einer realen Wohnumgebung erlebbar

Die Verbindung des Smart Home mit einer Service-Infrastruktur, beispielsweise der Möglichkeit der automatisierten Nachbestellung von Produkten oder der intelligenten Wartung von Endgeräten und Aktivierung von Serviceketten, hebt die Hausautomation in das nächste Level. Dazu sind allerdings zuverlässige und sichere Bezahlungsprozesse in Smart Home-Lösungen notwendig.

Die Wohnung der Zukunft weiß beispielsweise, welche Lebensmittel und Produkte im Haushalt fast aufgebraucht sind und nachbestellt werden müssen. Dem Bewohner können lästige Einkaufswege erspart werden, indem das Smart Home eigenständig und automatisiert nachbestellt. 2017 werden „Voice Payments“ der Trend im Smart Home sein, vor allem getrieben durch Amazon’s Sprachsteuerung Alexa. Mastercard und Samsung sowie LG und Amazon haben jeweils Kooperationen geschlossen, um ihre intelligenten Kühlschränke mit Sprachsteuerung auszustatten, Bestellprozesse auszulösen und die Zahlungsabwicklung im Hintergrund automatisch zu vollziehen.

Obwohl der Ansatz der „Internet of Things Bank“ von Intelligent Environments auf den ersten Blick sehr radikal erscheint, zeigt er transparent, welche Möglichkeiten die neuen IoT-Technologien bieten: Wearables oder „Nest-Thermostate“ sollen dabei den Nutzer bei der Erreichung eigens festgelegter Sparziele unterstützen. Sollte beispielsweise ein determiniertes Ausgabenlimit überschritten werden, erhält der Nutzer durch das angebundene System Pavlok einen kurzen elektrischen Impuls, der ihn zur Verhaltensänderung motivieren soll. Eine abgeschwächte Variante bietet die Kombination mit Nest-Thermostaten, die bei zu hohen Ausgaben die Temperatur nach unten regeln und die Sparziele auf diese Weise unterstützen.

Banking und Connected Cars: Neue Wertschöpfungsketten und branchenübergreifende Geschäftsmodelle

Weitere Anwendungsszenarien für Banking-Services bieten Connected Cars. Wird der Fahrer beispielsweise informiert, dass der Motor des Autos bald repariert werden muss („Predictive Maintenance“), kann die Bank, die den Status des Autos bereits zeitgleich digital erhalten hat, via Push-Benachrichtigung über das Smartphone oder den Bordcomputer mit dem Fahrer in Kontakt treten und Vorschläge unterbreiten, wie die unerwartete Ausgabe finanziert werden könnte. Die Bank schlägt beispielsweise ihrem Kunden eine Reduzierung der Urlaubsersparnisse für die nächsten fünf Monate vor, um die Reparatur zu finanzieren. Mit ihren unter Vertrag stehenden Werkstätten hat die Bank bereits mögliche Service-Termine abgeglichen und schlägt diese dem Kunden vor.

Auch in Verbindung mit Versicherungsangeboten ergeben sich für den Banking-Sektor im Bereich Connected Cars weitere spannende Anwendungsbereiche. Sensoren könnten über das Fahrverhalten das Risiko eines möglichen Unfalls berechnen. Bei sicherer Fahrweise könnten entsprechend die Versicherungsbeiträge des Fahrers gemindert werden. Damit die dabei notwendigen Zahlungstransaktionen zwischen Versicherung und Fahrer sicher und geregelt ablaufen, ist die Bank als Intermediär notwendig, kann aber auch selbst als Versicherungs-Anbieter agieren.

Die Beispiele zeigen, dass für Internet of Things-Anwendungen die Notwendigkeit für industrieübergreifende Partnerschaften und neue Wertschöpfungsketten entsteht, um innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln und nutzerzentrierte, ganzheitliche Lösungen an den Markt zu bringen. Initiativen wie das Innovationszentrum Connected Living können dazu beitragen, branchenübergreifende Use-Cases zu entwickeln, die dem Nutzer vollkommen neue digitale Erlebnisse und den Unternehmen Ansatzpunkte für Produkt- und Geschäftsmodell-Innovationen bieten.

Real-Time-Informationen durch IoT-Technologien: Neue Möglichkeiten der Kundeninteraktion und maßgeschneiderte Produkte und Services

Banken verfügen bereits heutzutage über große Mengen an Kundendaten. Durch IoT-Technologien haben sie jedoch die Möglichkeit, maßgeschneiderte Produkte und Services basierend auf „Real-Time-Informationen“ zu generieren und viel intelligenter zu agieren. Für Kunden ergeben sich durch das „Banking of Things“ völlig neue digitale Erfahrungen, die in Echtzeit einen holistischen Blick auf ihren persönlichen Finanzstatus ermöglichen. Sie können ihre Ausgaben und Kostenblöcke wesentlich besser verstehen und erhalten einen transparenten Überblick. Außerdem können sie kontextabhängige Banking-Produkte und -Services erhalten, die wesentlich individueller auf ihre Bedürfnisse in einer entsprechenden Situation zugeschnitten sind.

Ein Vorteil für die Bank ist beispielsweise ein verbessertes Risikomanagement, da mehr Informationen über den Kunden vorliegen. Die Bank kann durch die hinzugewonnen Nutzerdaten Verhaltensmuster ihrer Kunden ableiten und sie dadurch wesentlich gezielter und individueller betreuen. Sie ist viel näher am Kunden, kann ein persönlicheres Verhältnis aufbauen und die Kundenbindung erhöhen. IoT-Technologien helfen Banken außerdem, ein verbessertes Verständnis über betriebliche Abläufe zu erhalten und diese in Real-Time zu optimieren.

Grundvoraussetzungen: Sicherheit und Datenschutz bei transparenter Datennutzung

Die durch Datenanalyse verbesserte Kundensegmentierung wirft jedoch zu Recht auch ethische Fragestellungen auf und kann zu Problemen hinsichtlich des Schutzes der Privatsphäre der Nutzer führen. Moderne Kunden erwarten von ihren Banken stets personalisierte Services und komfortable Anwendungsmöglichkeiten, wollen gleichzeitig aber auch die totale digitale Sicherheit genießen. Gerade das ist eine der größten Herausforderungen im gesamten Smart Home- und IoT-Sektor. 37% aller Cyber-Attacken betreffen heute bereits Finanzinstitutionen. Damit die Bank das Vertrauen ihrer Kunden gewinnen kann, muss das „Banking of Things“ sicher sein und die Privatsphäre des Nutzers berücksichtigen. Die Sicherheit muss dabei direkt bei der Systementwicklung fokussiert werden. Ein möglicher Ansatzpunkt ist die durch das IoT begünstigte „Multi-Faktor-Authentifizierung“ zur Verifizierung der Kundenidentität, beispielsweise durch Nutzung von Sensorik zur Messung biometrischer Daten wie des Fingerabdrucks, des Herzschlags, Iris-Scans, Erkennung der Sprache oder in fernerer Zukunft Erkennung der DNA des Anwenders.

Zusammenfassung: Erfolgsfaktoren für das „Banking of Things“

Die Verbreitung von IoT-Technologien und Smart Home-Lösungen in unserer Gesellschaft wird neue Anwendungsbereiche für Banking-Leistungen und die Entwicklung innovativer Finanzprodukte ermöglichen. Damit die Lösungen jedoch tatsächlich genutzt werden und keine „nice-to-have“-Features für Tech-Geeks bleiben, müssen die Banken ihren Kunden garantieren, dass sie mit den Daten sicher und vertraulich umgehen und die Informationen nicht nutzen, um den Kunden auszuspähen. Die Mehrwerte der Lösungen müssen für den Anwender zu jeder Zeit transparent ersichtlich sein, die Usability der Systeme muss so einfach wie möglich gestaltet und für den Nutzer leicht verständlich konzipiert werden. Banken die es schaffen, IoT-generierte Datenströme in die Entscheidungsfindung einfließen zu lassen, um die Kunden mit neuen Ansätzen in der Customer Journey zu begeistern, werden zukünftig erfolgreich sein und einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren Konkurrenten haben.


Co-Autoren des Beitrags

Martin Pietzonka

Martin Pietzonka ist Geschäftsstellenleiter und Senior Innovation Manager des Innovationszentrums Connected Living. Zu seinen Hauptaufgaben zählen das Innovations- und Netzwerkmanagement, die Geschäftsmodellentwicklung im Digital Life sowie die Initiierung von Kooperationen und F&E-Projekten. Vor seiner Tätigkeit bei Connected Living arbeitete Martin Pietzonka als Category-Manager bei einem Onlinehändler und war Consultant für Startups und Technologietransferprojekte.

Jakob Schofer

Jakob Schofer ist seit 2015 Projekt- und Innovationsmanager am Innovationszentrum Connected Living. Seine Aufgaben umfassen die Geschäftsmodellentwicklung im Digital Life sowie die Initiierung von Kooperationen und Forschungsprojekten innerhalb des Netzwerks. Er studierte Wirtschaftsingenieurwesen (M.Sc.) an der TU Berlin und Linköping University mit Schwerpunkt Logistik und Supply Chain Management.