Der Streit um die Kosten des digitalen Euro geht in die nächste Runde. Neue EZB-Zahlen gehen von deutlich geringeren Kosten aus, als vor kurzem von Banken prognostiziert. Offen bleiben jedoch wichtige andere Fragen.

EZB kontert den Kostenschätzungen der Banken zur Einführung des digitalen Euro.
Der digitale Euro, der als Ergänzung zu Bargeld und bestehenden elektronischen Zahlungsinstrumenten konzipiert ist, soll in den kommenden Jahren die Grundlage für ein europaweit einheitliches digitales Zahlungsmittel bilden.
Neben den Diskussionen zwischen Banken, Verbraucherschützern, Unternehmen und der EZB um die inhaltliche Ausgestaltung und die Verteilung der Rollen und Funktionen, ist auch ein Deutungsstreit um die Kosten für die Einführung des digitalen Euro entstanden. Diese geht nun in die nächste Runde.
Nachdem die europäischen Geschäftsbanken im Juni auf Basis einer selbst in Auftrag gegebenen PwC-Studie argumentiert hatten, dass der Branche ein Gesamtaufwand von 18 bis 30 Milliarden Euro drohe, präsentierte die Europäische Zentralbank (EZB) nun deutlich niedrigere eigene Zahlen.
Neue Berechnungen der EZB
In der EZB-Studie werden die Möglichkeiten zur Nutzung von Synergien und zur gemeinsamen Kostentragung innerhalb der Zahlungsverkehrsbranche hervorgehoben. Zudem werden die Ergebnisse einer Extrapolationsanalyse vorgestellt, die auf Schätzungen des Bankensektors basiert und an das Design des digitalen Euro angepasst wurde. Die Untersuchung wurde mit Unterstützung von Experten der nationalen Zentralbanken, der EZB-Bankenaufsicht sowie der Unternehmensberatung Roland Berger durchgeführt.
Synergien als zentraler Kostenvorteil
Ein zentrales Ergebnis der EZB-Analyse lautet, dass durch die Nutzung von Synergien und gemeinsamer Kostentragung erhebliche Einsparungen erzielt werden könnten. Dies entspreche den etablierten Praktiken in der Zahlungsverkehrsbranche. Nach Einschätzung der EZB müssten Banken den digitalen Euro daher nicht auf individueller Basis implementieren.
Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Kostenschätzungen der Bankenbranche – unter Berücksichtigung der potenziellen Einsparungen durch Synergien und gemeinsame Kostentragung – in einer Größenordnung zwischen 4 und 5,77 Milliarden Euro insgesamt bzw. 1 bis 1,44 Milliarden Euro jährlich über einen Zeitraum von vier Jahren liegen könnten.
Die Notenbank argumentiert, dass viele der von PwC identifizierten Kostentreiber durch gemeinsame Infrastrukturen und standardisierte Schnittstellen abgefedert werden könnten. Die Möglichkeit, zentrale Komponenten – etwa im Bereich der Abwicklung, Authentifizierung oder Compliance – gemeinsam zu nutzen, sei in der Branche seit Jahren bewährt. Das Prinzip der Kostenteilung (Cost Mutualisation) könne so den individuellen Implementierungsaufwand einzelner Institute erheblich reduzieren.
Vergleich zu früheren Zahlungsinitiativen
Auf Basis dieser extrapolierten Werte kommt die EZB zu dem Schluss, dass die Investitionskosten für den digitalen Euro vergleichbar wären mit jenen vergangener Initiativen wie der Zahlungsdiensterichtlinie PSD2. Im Vergleich zur Einführung des Einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraums (SEPA) würden die Aufwendungen sogar deutlich geringer ausfallen.
Die EZB betont, dass die Berechnungen bewusst keine „internen“ Synergien – also etwa die Wiederverwendung bestehender Prozesse wie Know-your-Customer-Verfahren oder Risikomanagementsysteme – enthalten. Stattdessen konzentriert sich die Analyse auf externe Synergien und Kostenteilung durch Outsourcing an zentrale Anbieter oder spezialisierte Dienstleister. Interne Synergien seien jedoch ebenfalls zu erwarten und würden derzeit im Rahmen technischer Sitzungen des Euro Retail Payments Board (ERPB) weiter präzisiert.
Offene Fragen zu Geschäftsmodellen
Nicht berücksichtigt sind in den genannten Zahlen die potenziellen positiven Auswirkungen des digitalen Euro auf die Geschäftsmodelle der Banken. Dabei könnte der digitale Euro durchaus wirtschaftliche Chancen bieten. So verweist die EZB auf mögliche Entlastungen durch den Wegfall von System- und Abwicklungsgebühren, wie sie internationale Kartensysteme den Banken auferlegen.
Zudem ist in den aktuellen Entwürfen vorgesehen, dass die Vergütung für Transaktionen ähnlich wie bei bestehenden Zahlungsmitteln gestaltet werden könnte. Dies würde die Wettbewerbsposition europäischer Institute im Vergleich zu internationalen Zahlungsdienstleistern stärken. Darüber hinaus bietet die Architektur des digitalen Euro die Möglichkeit, private, im Besitz europäischer Banken befindliche Lösungen zu entwickeln, die auf den Akzeptanzstandards des digitalen Euro basieren. Damit ließe sich die Reichweite solcher Angebote erheblich steigern – sowohl geografisch als auch in Bezug auf den Anwendungsfall.
Grundlage für politische Diskussionen
Die Einschätzung der EZB zu den Investitionskosten wurde auf ausdrückliche Anfrage der europäischen Gesetzgeber erstellt. Ziel sei es, eine faktenbasierte Grundlage für die laufenden Diskussionen rund um den Gesetzgebungsvorschlag zum digitalen Euro zu schaffen. Die Notiz soll dazu beitragen, die politische Debatte zu versachlichen und die rechtzeitige Verabschiedung des Gesetzgebungsvorschlags sicherzustellen.
Zugleich betont die EZB, dass sie weiterhin offen für eine enge Zusammenarbeit mit der Bankenbranche bleibt. Gemeinsames Ziel sei es, den Implementierungsaufwand zu minimieren, bestehende Zahlungsstandards und -lösungen bestmöglich wiederzuverwenden und sicherzustellen, dass die technischen Standards des digitalen Euro auch für andere europäische Zahlungssysteme nutzbar sind.
Der Weg zu einem einheitlichen europäischen Zahlungsraum
Die aktuelle Veröffentlichung verfolgt somit einen doppelten Zweck: Einerseits bietet sie eine eigenständige, datenbasierte Einschätzung der Investitionskosten im Euroraum, die zentrale Effizienzfaktoren wie Synergien und gemeinsame Kostentragung berücksichtigt. Andererseits soll sie als Ausgangspunkt für weitere faktenorientierte Diskussionen dienen, um sicherzustellen, dass diese Kostenvorteile tatsächlich realisiert werden.
In der Präsentation der Ergebnisse vor dem Euro Retail Payments Board (ERPB) unterstrich die EZB die Bedeutung eines konstruktiven Dialogs mit der Bankenbranche. Nur durch enge Abstimmung ließe sich vermeiden, dass Doppelstrukturen entstehen oder zentrale Investitionen mehrfach getätigt werden. Die Erfahrungen aus SEPA und PSD2 zeigten, dass standardisierte und gemeinsam genutzte Infrastrukturen nicht nur Kosten sparen, sondern auch die europäische Wettbewerbsfähigkeit im globalen Zahlungsverkehr stärken.
Ausblick: Standards dringend gesucht
Während die Bankenverbände weiterhin an ihren deutlich höheren Kostenschätzungen festhalten, hat die EZB mit ihrem Papier die Diskussion neu justiert. Entscheidend wird nun sein, ob sich die Branche und die europäischen Institutionen auf gemeinsame technische und organisatorische Standards einigen können.
Die Frage, ob die Einführung des digitalen Euro für die Banken zu einer finanziellen Belastung oder zu einer strategischen Chance wird, bleibt vorerst offen. Klar ist jedoch: Die Auseinandersetzung um die tatsächlichen Kosten wird auch künftig eine zentrale Rolle in der politischen und wirtschaftlichen Debatte über die Zukunft des digitalen Euro spielen.
Darüber hinaus sind weiterhin zentrale Fragen zur inhaltlichen Ausgestaltung des digitalen Euros offe, wie die Diskussion um die Priorisierung von Retail oder Wholesale oder die Rollenverteilung zwischen EZB und Banken bei Ausgabe und Speicherung.
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