Ist Nachhaltigkeit nur ein Zukunftsrisiko?

Zukunftsfähige Finanzinstitute müssen der Regulatorik voraus sein

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Die BaFin verpasst es, das Ambitionsniveau im Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken aufrecht zu erhalten, und klassifiziert sie als „Zukunftsrisiken“. Wieso ist dies eine Gefahr für die Stabilität von Finanzinstituten? Wie können sie sich selbst helfen?

Nachhaltigkeitsrisiken als Gefahr für die Stabilität von Finanzinstituten

Nachhaltigkeitsrisiken können zur Gefahr für die Stabilität von Finanzinstituten werden.

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Bei der morgendlichen Lektüre der Medien stellen wir fest, dass sich außergewöhnlich starke Dürren, Waldbrände und Überschwemmungen zu häufen scheinen. Die Auswirkungen des Klimawandels werden für uns immer spürbarer – ein Trend, der sich in den nächsten Jahren weiter verstärken wird, mit unkalkulierbaren Folgen für die Natur, unsere Gesundheit und die Infrastruktur. Zugleich werden politische Steuerungsinstrumente implementiert, um die Transformation hin zu einer emissionsfreien Gesellschaft voranzutreiben und die Folgen des Klimawandels zu begrenzen.

Sowohl aufgrund der unmittelbaren, physischen Gefahrenfolgen des Klimawandels als auch aus dem Transformationsprozess entstehen für Unternehmen Risiken – die sogenannten physischen und transitorischen Nachhaltigkeitsrisiken.

Beide Risikoarten stellen Gefahren für die Finanzmarktstabilität dar: In Folge des Klimawandels können massenhaft Kredite ausfallen, da Geschäftsmodelle erodieren und Vermögens- und Sicherheitenwerte zerstört werden. Sollten wir nicht oder erst zu spät in der Lage sein, entsprechende Steuerungsmaßnahmen zu implementieren, verschärfen sich wiederum die physischen Auswirkungen der Klimakrise umso mehr.

Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken in der Finanzaufsicht

Tatsächlich werden sowohl physische als auch transitorische Nachhaltigkeitsrisiken bislang jedoch kaum im Risikomanagement abgebildet. Auch die deutsche Finanzaufsichtsbehörde BaFin subsumierte zuletzt Anfang 2022 Nachhaltigkeit in die Kategorie der Zukunftsrisiken und verkennt damit den eigentlich immanenten Handlungsdruck. Vor dem Hintergrund des ambitionierten Merkblatts zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken Ende 2019 eine ernüchternde Bilanz.

Einige europäische Behörden hingegen veröffentlichten unlängst Vorschläge zur Integration von Nachhaltigkeitsrisiken in das Baseler Rahmenwerk – ein erster wichtiger Schritt! Beispielsweise sollen Finanzakteure ihre Betroffenheit von Nachhaltigkeitsrisiken in Form der sogenannten Green Asset Ratio (GAR) berichten. Aus formalen Gründen dürfen Banken jedoch bislang nur kapitalmarktorientierte Unternehmen ab 500 Mitarbeiter*innen berücksichtigen, was zu erheblichen Verzerrungen führt. Obgleich auch kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) von Nachhaltigkeitsrisiken betroffen sind, dürfen Banken diese nicht in die GAR einbeziehen.

Hintergrund ist, dass KMU oftmals nicht über die notwendigen Daten verfügen, die eine Bewertung ihrer Betroffenheit von Nachhaltigkeitsrisiken zulassen und der Gesetzgeber ihnen keinen zusätzlichen Mehraufwand zutraut – obwohl es zu ihrem eigenen Nutzen wäre. Denn nur so könnten sowohl KMU als auch Finanzinstitute einen Eindruck ihrer Nachhaltigkeitsrisiken erhalten und mögliche Investitionsvorhaben mit dem Ziel der Risikominimierung kritisch reflektieren.

Die größten Baustellen, aber auch zukunftsweisende Handlungsoptionen, die über die derzeit laschen Anforderungen gehen, diskutieren wir im Folgenden.

Baustelle Datenverfügbarkeit: Hochwertige Informationen fehlen

Eine der größten Herausforderungen im Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken liegt in der fehlenden Datenverfügbarkeit. Nachhaltigkeitsrisiken im Kreditgeschäft müssen auf der Ebene der Einzelkund*innen identifiziert und bemessen werden, um eine tatsächliche Aussagekraft über Ausfallwahrscheinlichkeiten und Eigenkapitalanforderungen zu treffen. Detaillierte und qualitativ hochwertige Informationen zu CO2-Emissionen oder Energieeffizienz liegen jedoch in kaum einem Institut vor. Selbst bei der intrinsischen Motivation von Einzelinstituten führen die fehlenden Datenfelder höchstens zu vom Kreditprozess losgelösten Datensammlungen.

Aufbau eines Nachhaltigkeits-Datenhaushalts mit Klimarisikoprofilen

Der Datenaufbau bei Banken muss daher inhaltlich wie technisch erfolgen. Relevante Klimainformationen von Einzelkund*innen beziehen sich auf drei Dimensionen: Die Klimawirkung eines Unternehmens lässt Rückschlüsse über seine Exposition von transitorischen Risiken zu. Die Klimaabhängigkeit drückt aus, welche Gefahren die physischen Folgen des Klimawandels für das Unternehmen hat. Die Anpassungsfähigkeit beschreibt die Innovationskraft und Flexibilität des Unternehmens, sich an wandelnde Umstände anzupassen und Risiken zu vermeiden. Aus diesen drei Informationen lassen sich Klimarisikoprofile von Einzelkund*innen anhand von Primärdaten bilden.

Neben der Erhebung der Daten muss auch die Weiterverarbeitung der Rohdaten ermöglicht werden. Gesammelte CO2-Emissionen können und sollten kontextualisiert werden, also in Kompatibilitäten mit der Klimapolitik und den Klimazielen ausgedrückt werden. Nur über diese Kontextualisierung der Rohdaten lässt sich abschätzen, inwieweit beispielsweise Wirtschaftsaktivitäten kompatibel mit dem 1,5-Grad-Ziel sind, worauf sich schließlich eine Schätzung transitorischer Risiken stützen kann. Bekannter Anbieter einer solchen Methode ist etwa right. based on science aus Frankfurt. Klimaanalysen von Kund*innen zeigen ihr Potenzial nicht nur in der internen Verwendung, sondern sind auch eine gute Basis für zukünftige Beratungsgespräche.

Bonitätsratings: Klimadaten und Klimaszenarien verknüpfen

Das Zielbild der Betrachtung von Nachhaltigkeitsrisiken liegt nicht in der parallelen Betrachtung, sondern in der Integration in bekannte Risikoarten und Kreditprozesse (BaFin, 2019). Eine integrierte Risikoklassifizierung – also die Erweiterung des klassischen Bonitätsratings um bonitätsrelevante Nachhaltigkeitsfaktoren – bildet zukünftige Risiken und Chancen von Kreditnehmer*innen unter Zunahme von Klimarisiken wahrheitsgetreuer ab. Dazu müssen Ratings jedoch gänzlich anders aufgebaut werden: Anstelle von historischen Vergangenheitsbetrachtungen müssen szenariobasierte Einschätzungen zur Zukunft des Unternehmens angestellt werden – unter Einbezug von klimatischen, technologischen, regulatorischen und Nachfrageänderungen. Die Verknüpfung zwischen Klimadaten der Kund*in und Klimaszenarien stellt dabei den Hebel her, um eine adjustierte Ausfallwahrscheinlichkeit zu bestimmen.

Integrierte Sicherheitenbewertung mit Immobiliendaten

Ein weiterer Stellhebel zur Absicherung gegen Klimarisiken betrifft die bei einer Bank hinterlegten Sicherheiten, meistens Immobilien. Der Beleihungswert einer Immobilie ist sowohl von physischen als auch von transitorischen Risiken betroffen. Extremwetterereignisse wie die Überflutungen im Ahrtal im Sommer 2020 haben gezeigt, welche Zerstörungskraft Naturgewalten haben. Durch den Klimawandel werden Naturkatastrophen in Zukunft an Häufigkeit und Stärke zunehmen. Die Einführung von physischen Risikomodellen, die anhand von Geodaten der einzelnen Immobilien eine Risikoexposition in Form von Eintrittswahrscheinlichkeiten und Schadenshöhe ausgeben, ist daher notwendig. Zusammen mit Immobiliendaten zum energetischen Profil können Daten zu den Klimarisiken in die Sicherheitenbewertung einfließen.

Ausblick: Klimarisiken als Puzzleteil zur integrierten Risikosteuerung

Neben Klimarisiken bedrohen auch weitere Nachhaltigkeitsrisiken wie beispielsweise Biodiversität oder gestörte Lieferketten die Finanzstabilität. Um sich zukunftssicher und vorausschauend abzusichern, sollten Institute daher frühzeitig integrierte Ansätze zur Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken in Steuerungssystemen umsetzen. Die Bonitätsbewertung wäre ein möglicher Hebel.

Die Ansätze der BaFin, Nachhaltigkeitsrisiken als Zukunftsrisiken zu bewerten, mindert die wahrgenommene Notwendigkeit, Nachhaltigkeitsrisiken angemessen in das Risikomanagement zu integrieren. Das könnte durchaus zur Gefahr für die Finanzstabilität werden.


Timo Hülsdünker - Referent Wirkungstransparenz & Nachhaltigkeit, GLS Bank

Timo Hülsdünker

Timo Hülsdünker ist Koautor des Beitrags. Er arbeitet in der GLS Bank in der Abteilung Wirkungstransparenz & Nachhaltigkeit insbesondere zu strategischen Fragen der Abteilung sowie zu den politischen und regulatorischen Interessen und Anliegen des Hauses.

 

Über den Autor

Theresa Pleye

Theresa Pleye arbeitet in der GLS Bank in der Abteilung Wirkungstransparenz & Nachhaltigkeit insbesondere am Thema Nachhaltigkeitsrisiken und der Integration in die Gesamtbanksteuerung. Die Implementierung integrativer Methoden und Modelle sind dabei ihr Herzensanliegen.

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