Die Zukunft des Privatkundengeschäfts heißt Financial Wellbeing. Wer weiter auf Produktvertrieb setzt, wird Kunden verlieren. Warum echte Finanzbegleitung, KI und digitale Ökosysteme über den zukünftigen Erfolg entscheiden – und was Banken jetzt tun müssen.

Menschen erwarten individuelle Finanzbegleitung statt Produktberatung – KI macht’s möglich.
Das Privatkundengeschäft befindet sich in einem fundamentalen Wandel. Nicht morgen – heute. Und wer ihn ignoriert, wird Kunden verlieren. Financial Wellbeing bedeutet, finanzielle Sicherheit und finanzielle Entscheidungsfreiheit zu haben – sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft.
Im Juni 2025 haben wir zusammen mit dem House of Finance & Tech einen Report zu Financial Wellbeing in Deutschland veröffentlicht. Für diesen Report haben wir eine repräsentative Endkunden-Analyse nach Zensus durchgeführt. Die Ergebnisse belegen eine Realität geprägt durch Zukunftsangst und finanzielle Orientierungslosigkeit:
- 82 Prozent der Menschen wissen nicht, was Financial Wellbeing bedeutet.
- 52 Prozent erleben wöchentlich finanzielle Sorgen – ein Viertel sogar täglich.
- Für 50 Prozent ist die eigene finanzielle Lage eine der größten individuellen Sorgen und Ängste – noch vor Extremismus und Klimawandel.
- 20 Prozent rechnen heute schon fest damit, dass sie finanzielle Probleme haben werden, ihren Lebensstandard im Alter zu halten – trotz Arbeit und Vorsorge (weitere 47,5 Prozent halten dies ebenfalls für wahrscheinlich).
Financial Wellbeing ist kein Nischenthema
Damit ist Financial Wellbeing kein Nischenthema. Unsere Analyse deckt eine versteckte Krise direkt vor unseren Augen auf. Eine Krise, die nicht nur einzelne Individuen betrifft, sondern gesamtgesellschaftliche Folgen hat: geringere wirtschaftliche Teilhabe, sinkende Resilienz, wachsendes Misstrauen gegenüber Institutionen und staatlicher Vorsorge.
Die Ursachen? Menschen in Deutschland stehen vor einer dreifachen Herausforderung: fehlende finanzielle Transparenz, Kontrolle und Zuversicht. Gleichzeitig ist der Wunsch nach Lösungen überwältigend – und bislang weitgehend unbeantwortet.
Was Menschen heute brauchen, ist keine isolierte Produktberatung, sondern kontinuierliche, ganzheitliche Finanzbegleitung. Individuell. Verständlich. Digital unterstützt.

Vereinfachte Darstellung Roland Berger Financial Wellbeing-Übersicht und Darstellung typischer Kundenbedarfe entlang Befarfsdimensionen.
Künstliche Intelligenz ermöglicht unsere Vision von Financial Wellbeing – bereits heute. Sie kann nicht nur Muster erkennen, sondern personalisierte Empfehlungen in Echtzeit geben. Sie kann Budgetierung, Vorsorge, Risikoabsicherung und Finanzbildung automatisieren – ohne dabei Menschen und ihre individuellen Bedürfnisse, entlang Lebensphasen und finanzieller Ausgangslage, aus dem Blick zu verlieren.
Die Voraussetzung: ein radikales Umdenken in Banken (bei Finanzdienstleistern allgemein) und Politik. Financial Wellbeing ist ein Aufruf an die Finanzindustrie, Regulierer und Technologieanbieter – es ist Zeit, Finanzplanung nachhaltig in Deutschland zu demokratisieren.
Wettbewerbsfaktor Wohlstand: Wer Financial Wellbeing systematisch integriert, gewinnt Vertrauen, Daten und Marktanteile.
Viele Finanzdienstleister erkennen den Ernst der Lage noch nicht – und verpassen damit strategische Chancen.
Denn Financial Wellbeing liefert gleich mehrere strategische Hebel:
- Es verankert echte Kundenorientierung im Kern eines ganzheitlichen Angebots.
- Es reduziert Zahlungsausfallrisiken, indem finanzielle Frühwarnzeichen proaktiv analysiert und adressiert werden.
- Es steigert Loyalität und Zahlungsbereitschaft über ein erlebbares Nutzenversprechen (und kann so lebenslange Kundenbeziehungen schaffen).
Unsere Umfrage bestätigt eindeutig den Bedarf nach einer einfachen, digitalen und vertrauensvollen Lösung, die Finanzen analysiert, Optimierungspotenziale aufzeigt und aktiv bei Budgetplanung, Vorsorge und Risikoabsicherung begleitet:
- 53 Prozent der Befragten würden eine solche Lösung heute bereits nutzen, bzw. suchen zum Teil schon aktiv danach.
- Fast 60 Prozent wären bereit, für eine solche Lösung zu zahlen.
- Und gleichzeitig geben über 70 Prozent an, dass sie derzeit nicht auf dem Weg sind, Financial Wellbeing zu erreichen – 27 Prozent davon, weil sie schlichtweg nicht wissen, was sie konkret tun sollen.
Ein weiteres Drittel scheitert an strukturellen Hürden: zu wenig Zeit, keine vertrauensvolle Beratung, kein Zugang zu passenden Produkten. Hier wird ein deutliches gesellschaftliches Potenzial von Finanzdienstleistern nicht ausgeschöpft.
Stattdessen investieren Plattformanbieter und Tech-Player zunehmend in genau diese Schnittstelle: Kombination von Datenintelligenz mit Alltagstauglichkeit. Wer diese Lücke zuerst füllt, kann nicht nur Kunden gewinnen, sondern Vertrauen, Daten und Zugang zu neuen Ökosystemen.
Vom Konto zur Plattform: Banken werden zu Lebensbegleitern – mit Ökosystemen rund um Bildung, Vermögensaufbau und Altersvorsorge.
Das Girokonto von morgen nicht mehr das Zentrum der Bankbeziehung. Banken, die sich behaupten und wachsen wollen, müssen sich neu definieren: als Lebensbegleiter in finanziellen Fragen.
Der Weg dorthin führt nicht über den Vertrieb losgelöster Finanzprodukte, sondern über ganzheitliche, intelligente Plattformen, die auf Financial Wellbeing ausgerichtet sind:
- Vorsorgeberatung, die nicht nur rechnet, sondern psychologisch motiviert (nudged).
- Budget-Coaching in Echtzeit, das auf Verhaltensdaten und realen, individuellen Bedarfen sowie der finanziellen Ausgangslage basiert.
- Risikomanagement, das Versicherungsbedarf nicht nach Produkten, sondern nach Lebensereignissen erkennt.
- Finanzbildung, eingebettet in den Alltag – personalisiert, interaktiv, nachhaltig, wirksam.
Diese Ökosysteme lassen sich nicht allein mit analoger Beratung aufbauen. Die heutigen Limitationen – personelle Engpässe, hohe Beratungskosten, fragmentierte Angebote – können längst durch daten- und KI-getriebene Systeme effizient überwunden werden. Was fehlt, ist der Wille zur Transformation – und der Mut, neue Partnerschaften zu schließen.

Datengetriebene Unterstützung zum Aufbau einer digitalen Financial Wellbeing-Lösung.
Denn Financial Wellbeing funktioniert nur im Zusammenspiel: mit Versicherern, EdTechs, FinTechs, der öffentlichen Hand – und vor allem mit regulatorischem Rückhalt. Die Verantwortung für Fairness, Datenschutz und algorithmische Transparenz ist dabei keine Bremse, sondern ein strategischer Vorteil – wenn Banken Haltung zeigen.
Fazit: Financial Wellbeing ist kein Trend – es ist der Imperativ des Privatkundengeschäfts von morgen.
Financial Wellbeing ist weit mehr als ein Service-Modul. Es ist eine neue Sichtweise auf Kundennutzen, Verantwortung und wirtschaftliches Wachstum. Die Zeit, Finanzplanung gesamtgesellschaftlich zu demokratisieren, ist jetzt. Die technologischen Möglichkeiten existieren. Die gesellschaftliche Dringlichkeit ist belegt. Was fehlt, ist ein systematischer Aufbruch – von Finanzdienstleistern, von Technologieanbietern, von politischen Akteuren.
In Zukunft werden nicht die Institute erfolgreich sein, die die meisten Produkte vertreiben – sondern die, die Menschen finanzielle Orientierung, Stabilität und Zuversicht geben. Financial Wellbeing ist keine Nische – sondern ein strategischer Imperativ. Für den Einzelnen. Für die Finanzbranche. Für die gesamte Gesellschaft.


Georg Henig
Georg Henig ist Koautor des Beitrags. Er ist Partner im Bereich Financial Services bei Roland Berger. Er verfügt über langjährige Erfahrung bei strategischen Transformationen und Go-to-Market- und Versicherungsstrategien sowie im Aufbau digitaler Geschäftsmodelle. Zuvor war er unter anderem bei Oliver Wyman und McKinsey tätig.

Dr. Thomas Richter
Dr. Thomas Richter ist Koautor des Beitrags. Er ist Partner im Bereich Financial Services bei Roland Berger mit langjähriger Erfahrung in der Beratung und Unternehmensentwicklung mit Fokus auf Wealth Management und institutionelle Vermögensverwaltung. zuvor war der Wirtschaftswissenschaftler u.a. Chief Operating Officer und Leiter Strategie bei einer führenden deutschen Privatbank und für zeb tätig..

Marc-Felix Müller
Marc-Felix Müller ist Koautor des Beitrags. Er ist Senior Project Manager im Bereich Financial Services bei Roland Berger. Er verfügt über langjährige Erfahrung in der strategischen Neuausrichtung, Marktanalysen und Geschäftsmodelltransformationen mit Fokus auf Erstversicherer. Zuvor war er bei KPMG und Deloitte in der Strategieberatung tätig und verantwortete Projekte zu Vertriebsstrategien, Operating Models und Markteintritten.




