Wie unabhängig ist Europa beim Bezahlen? Zwischen geopolitischen Spannungen und digitalen Erwartungen der Kunden stehen wir an einem Wendepunkt. Es geht nicht allein um Technik, sondern um die Frage, wer in Zukunft digitale Zahlungen managt und verwaltet.

Der europäische Zahlungsverkehr befindet sich im Umbruch und benötigt mehr digitale Souveränität.
Die weltweite politische Landschaft hat sich massiv verändert. Waren manche Länder vor einigen Jahren noch ein zuverlässiger Wirtschafts- und Verteidigungspartner, fordern die aktuellen, politischen Geschehnisse vielfach das Überdenken der jetzigen Standortbestimmung. Insbesondere Branchen mit einer hohen Dominanz von nicht-europäischen Firmen sollten genauer analysiert werden. Im April warnte beispielsweise EZB-Präsidentin Christine Lagarde vor einer zu großen Abhängigkeit von den USA – vor allem mit Blick auf den europäischen Zahlungsverkehr.
So würden etwa laut Daten der EZB mehr als 60 Prozent aller Kartentransaktionen in der Euro-Zone über US-Anbieter abgewickelt. Einige europäische Länder hatten sogar bereits in der Vergangenheit die heimischen Bezahlverfahren abgeschafft und die gesamte Transaktionsabwicklung an die Konkurrenz abgetreten. Europa ist gut beraten, alles daranzusetzen, seine Zahlungssouveränität sicherzustellen, um insgesamt relevanter und unabhängiger zu werden.
Multiple Argumente für Unabhängigkeit
Im SEPA-Raum werden Überweisungen technisch zwar komplett auf europäischer Ebene abgewickelt, bei Kartenzahlungen, Peer-to-Peer-Zahlungen sowie dem E-Commerce hingegen dominieren nicht-europäische Unternehmen. Dabei ist es egal, ob es sich um Kartensysteme, Zahlungsabwickler, mobile Geldbörsen oder Cloud-Infrastruktur handelt.
Neben geopolitischen Gründen, wachsenden Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und hohen Transaktionsgebühren sprechen weitere Faktoren für eine europäische Zahlungssouveränität. So werden Real-time Payments zunehmend zum Standard. Die Geschwindigkeit wird erhöht aber gleichzeitig steigen die Herausforderungen bei der Betrugsbekämpfung, etwa beim Überprüfen auffälliger Transaktionen. Eine paneuropäische Lösung im Zahlungsverkehr könnte dazu beitragen, bestehende Reibungsverluste nachhaltig zu reduzieren und die Effizienz grenzüberschreitender Transaktionen deutlich zu steigern.
Wero als historische Chance
Deutschland und die EU stehen vor einer historischen Chance, den Zahlungsverkehr neu zu gestalten. Mit der Einführung von Wero, der Zahlungslösung der European Payments Initiative (EPI), in fünf europäischen Ländern – darunter drei mit ING-Präsenz – entsteht eine echte Alternative zu internationalen Zahlungsdienstleistern. Als Miteigentümerin kann die ING gemeinsam mit anderen Teilnehmern die Funktionen und strategische Ausrichtung aktiv mitgestalten.
Wero bietet Mehrwert über alle Kanäle hinweg – am Point of Sale, Peer to Peer und im E-Commerce – und ist speziell auf europäische Bedürfnisse zugeschnitten, statt globale „One-size-fits-all“-Ansätze zu bieten. Die Lösung ist lokalisiert, kosteneffizient und fördert den bargeldlosen Zahlungsverkehr. Ergänzend wird durch technische Interoperabilität eine europaweite Marktabdeckung angestrebt – ein entscheidender Schritt hin zu digitaler Souveränität und Unabhängigkeit im Zahlungsverkehr.
Kritische Infrastrukturen erfordern Kontrolle
Auch die ING macht sich für eine größere europäische Kontrolle über kritische Infrastrukturen wie den Zahlungsverkehr stark. Als Miteigentümerin der European Payments Initiative, einem Zusammenschluss führender europäischer Banken und Zahlungsdienstleister, treiben wir das Thema voran. Ziel der Initiative ist es, eine eigenständige, europäische Alternative zu bestehenden internationalen Bezahlsystemen zu etablieren.
2024 hat EPI mit dem Start von Wero den ersten, wichtigen Schritt zum Aufbau eines widerstandsfähigeren und unabhängigeren europäischen Finanzökosystems vollzogen. Wero ist ein neues Bezahlsystem, über das Kundinnen und Kunden der teilnehmenden Banken Geld in Echtzeit versenden und empfangen können. Seit Sommer 2025 ist es auch bei der ING Deutschland verfügbar. Das System wird gemeinschaftlich von europäischen Banken betrieben und nutzt dafür die bestehende Infrastruktur von SEPA Instant Payments und ermöglicht so Überweisungen direkt vom Girokonto auf das Empfängerkonto. Für Nutzerinnen und Nutzer bedeutet dies vor allem mehr Kontrolle über ihre Finanzen, da kein Geld bei Drittanbietern zwischengelagert wird.
Banken müssen digitaler Erwartungshaltung gerecht werden
Dabei benötigen Kundinnen und Kunden keine zusätzliche Karte oder ein neues Konto, sondern können den Dienst direkt mit den bestehenden Systemen ihrer Bank nutzen. Für eine Transaktion genügt die Telefonnummer der empfangenden Person, eine IBAN-Eingabe ist nicht erforderlich. So lassen sich Fehler und Komplikationen rund um die IBAN – in Fachkreisen oft als „IBAN der Schreckliche“ bezeichnet – eliminieren. Auch das Anfordern von Geldbeträgen ist mit wenigen Klicks möglich.
Denn genauso nahtlos wie sich andere digitale Dienstleistungen in das Leben einfügen, müssen dies auch Bankdienstleistungen tun. Digitale Services sind nicht nur rund um die Uhr und sofort verfügbar, erfolgreiche Systeme bieten auch maximalen Nutzerkomfort bei minimalem Aufwand. An diesen alltäglichen digitalen Erfahrungen der Nutzerinnen und Nutzer müssen Banken sich messen lassen. Insbesondere für junge Menschen sind entsprechende Angebote zum Standard geworden.
Die Einführung von Wero profitiert auch von der 2024 in Kraft getretenen EU-Verordnung zu Instant Payments, die Banken in der EU dazu verpflichtet hat, ab Januar 2025 den grenzüberschreitenden Empfang und ab Oktober 2025 den Versand von Echtzeit-Überweisungen in Euro zu ermöglichen. Die Kosten für die Vorgänge dürfen dabei nicht höher sein als die von herkömmlichen SEPA-Transaktionen. Damit steht nun auch die regulatorische und technologische Infrastruktur für eine flächendeckende Einführung einer einheitlichen und souveränen Landschaft für den europäischen Zahlungsverkehr bereit.
Meilenstein für technologisch souveränen Zahlungsverkehr
Vorerst wurde Wero in ausgewählten Ländern eingeführt, die Anbindung weiterer Partnerbanken und Länder ist jedoch bereits im Gange. Den Start haben dabei Peer-to-Peer-Zahlungen (P2P) gemacht, während mittlerweile auch schon erste Lösungen für die Einbindung im Online-Handel bereitstehen. Für 2026 ist dann die sukzessive Einbindung in den stationären Handel geplant, sowie weitere Angebote wie Omni-Channel-Zahlungen, Point-of-Sale-Zahlungen (POS) und Rechnungszahlungen für Dienstleister.
Mit der Abdeckung der drei wichtigen Zahlungsverkehrssysteme P2P, E-Commerce und POS stellt Wero eine echte europäische Alternative zu den bestehenden Anbietern dar. Damit hätte die europäische Finanzwirtschaft einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu einem technologisch souveränen Zahlungsverkehr erreicht. Die ING wird hier als starke europäische Bank einen signifikanten Beitrag leisten.




