Die geopolitischen Umbrüche und der immense Investitionsbedarf Europas bis 2030 könnten das Investment-Banking vor eine historische Transformation stellen. Drei Szenarien verdeutlichen, wie eine echte Zeitenwende die Finanzlandschaft Europas prägen könnte.

Perspektiven für das Investment Banking im Jahr 2035.
Europa ist durch die aktuelle geopolitische Entwicklung herausgefordert. Treiber sind aggressive Systemkonkurrenz aus Russland und China und das sich im Wandel befindliche transatlantische Selbstverständnis. Diese Veränderungen betreffen Sicherheits- und Wirtschaftspolitik ebenso wie das das Selbstverständnis der Europäer. Im Zuge dieses Wandels entstehen Investitionsbedarfe für Verteidigung, höhere technologische Eigenständigkeit und beschleunigte Digitalisierung sowie Modernisierung europäischer Infrastrukturen.
Die Themen mögen bekannt erscheinen, aber der potenzielle Investmentanstieg bis zum Ende dieser Dekade – drei bis vier Trilliarden (der Draghi-Report spricht allein für die EU schon von 750-800 Mrd. € jährlich bis 2030) – stellt eine neue Dimension für das Finanzsystem dar. Wir sprechen hier über Investitionsbedarfe, die weder fiskalisch noch über die durch Eigenkapital begrenzten Kreditbücher des Bankensektors gedeckt werden können. Bahnt sich also eine Zeitenwende des Investment-Bankings in Europa an? Und wenn ja – wohin führt sie?
Im Folgenden wird skizziert,
- was heute das Investment-Banking in Europa (inkl. internationaler Spieler und Finanzplatz UK) umfasst,
- welche perspektivisch neuen fundamentalen Investitionsbedarfe der Wirtschaft und Gesellschaft in Europa sich abzeichnen,
- welche drei mittel- bis langfristigen Szenarien einer Entwicklung des Investment-Banking aus heutiger Sicht möglich sind, und
- woran sich das Szenario zu einer echten Zeitenwende für das Investment Banking in Europa frühzeitig erkennen ließe.
1. Europäisches Investment-Banking ist global relevant
Das europäische Investment-Banking ist geprägt durch internationale Vernetzung, hohe Dynamik und ein starkes, aber auch asymmetrisches regulatorisches Umfeld. Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht über die wesentlichen Geschäftsfelder und die führenden Marktteilnehmer.
Vorliegende Fakten belegen schon heute die globale Relevanz des europäischen Investment-Banking:
- Marktanteil Europa: Knapp 30 Prozent des weltweiten Investment-Banking-Marktes entfallen auf Europa. Zum Vergleich: Die USA sind mit 40 Prozent der größte globale Einzelmarkt.
- Marktvolumen: Der Gesamtumsatz des europäischen Investment-Banking-Markts liegt bei rund 50 Mrd. Euro (2025), mit anhaltendem Wachstum – je nach Segment von bis zu 10 Prozent pro Jahr.
- Kernwettbewerber: Dominanz von US-Banken (JP Morgan, Goldman Sachs), gefolgt von europäischen „Universalbanken“ (Deutsche Bank, BNP Paribas, Barclays) und spezialisierten Adressen (z.B. Rothschild, Lazard, Berenberg, etc.).
Ein Blick auf die Top-10-Geschäftsfelder zeigt die „Arbeitsteilung“ zwischen US-amerikanischen und europäischen „Global Playern“ sowie den europäischen Universalbanken bzw. europäischen Nischen-Investmentbanken.

Welche Bedeutung haben die einzelnen Geschäftsfelder im Investmentbanking, und wer sind jeweils die Hauptakteure?
Betrachtet man die Marktdynamik, wird deutlich, dass sich die Branche in erneut in einer Transformationsphase befindet – geprägt von fünf wesentlichen Treibern:
- Regulation (z.B. Basel IV), zulasten des Bankbuchs, zugunsten alternativer Systeme
- Disintermediation (direkte Kapitalmarktfinanzierung statt Bankfinanzierung); z.B. Trendthema Private Kredite
- Neue Kostenkurve durch Technologieinnovation (Distributed Ledger Technology (DLT), Künstliche Intelligenz, digitale Assets, …)
- Neue Risikofragestellungen (Echtzeit-Impact, teilautonome Systeme, etc.)
- Geopolitische Divergenz und Unsicherheit.
Parallel wirken Innovationen im Bereich von Green Finance (z.B. CO2-Certficates) und in Teilbereichen neuer Resilienz-Anforderungen bei globalisierten Wertschöpfungsketten.
2. Umbrüche und Investitionsbedarfe in Europa
Der in Mode gekommene Begriff „Zeitenwende“ beschreibt fundamentale Umbrüche, wie sie in den letzten Jahren durch geopolitische, wirtschaftliche und technologische Veränderungen ausgelöst wurden. Aus unserer Sicht würden schon Veränderungen in zwei bis drei der folgenden Aspekte, die für das Investment-Banking in Europa heute von hoher strategischer Bedeutung sind, ausreichen, um ein kritisches Wachstums-Momentum dieses Marktsegments zu kennzeichnen:
Geopolitik & Sicherheitslage
Anhaltende Unsicherheiten durch den Krieg in der Ukraine, gestiegene Verteidigungsausgaben, Re-Shoring von Wertschöpfung, Lieferkettenanpassungen – all das stellt in dieser Dichte und Intensität eine extreme Herausforderung auch für das Finanzsystem in den jeweiligen Geschäftsfeldern dar.
Neue Welle von Digitalisierung & Technologiewandel
Künstliche Intelligenz, blockchainbasierte Wertpapiere, Transaktionen und neue digitale Plattformen führen zu Disruptionen v.a. im Vertrieb, bei Deal Origination bzw. Deal Sourcing und beim Settlement. So hat beispielsweise mit dem „Genius-Act“ ein bislang nicht gekannter Systemwettbewerb im Transaktion Banking auf der DLT-/Krypto-Währungsseite zwischen dem Dollar und dem Euro begonnen.
Zinspolitik & Inflation – Ende der Zinsausterität
In den vergangenen Jahren haben die Zentralbanken in Europa die Zinsen in historischem Tempo erhöht. Das verändert die Risikopräferenz, die Bewertungen und die Asset-Allokation drastisch; auch eine Normalisierung der kurzfristigen Zinsen im Zuge rückläufiger Inflation kann diesem Trend nur wenig beeinflussen. Was bislang per Kreditfinanzierung möglich war, sucht nun andere Instrumente, Märkte und Investoren.
Nachhaltigkeit & ESG bleiben mittel- und langfristig erhalten
Strenge Nachhaltigkeitsanforderungen treiben in Europa weiterhin neue Produkte, (Green Bonds, Sustainability Linked Loans, CO2-Certificates, …), Geschäftsmodelle und Reporting. ESG-Reputationsrisiken bleiben weiterhin strategisch relevant.
Asynchronitäten in der Regulatorik
Schon ohne die o.g. Faktoren steht Europa vor einem regulatorischen Gordischen Knoten. Einerseits versuchen politischen Institutionen und Regulatoren – Resilienz motiviert – mit Basel IV den Schlussstein der Stabilität des Finanzsystems zu setzen Andererseits lassen politische Institutionen und Regulatoren sich sehr viel Konsensfindungszeit bei Thema Kapitalmarkt-Union, um die mit Basel IV einhergehende unmittelbare Finanzierungsverknappung (bei angenommen gleichbleibender Kapitalausstattung des Bankensektors) und internationalen Wettbewerbsnachteilen europäischer Banken (mit dem Risiko strategischer Finanzierungsverknappung) begrenzen zu können. Die kommunizierenden Röhren kommunizieren (noch) nicht.
Laut aktuellen Analysen der Europäischen Investitionsbank (EIB), der EZB und des Draghi-Reports (2024) liegt der jährliche Investitionsbedarf der EU bis 2030 bei 750–800 Mrd. €. Dieser Bedarf verteilt sich laut diesen Quellen wie folgt auf strategische Themenfelder, die Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit in Europa sichern sollen:

Die Verteilung des jährlichen Investitionsbedarfs der EU bis 2030 In Bezug auf strategische Themenfelder, die Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit in Europa sichern sollen.
Energie und Infrastruktur bleiben Hauptstützen, da sie die doppelte Transformation – ökologisch und digital – ermöglichen. Rund zwei Drittel des Bedarfs liegen hier.
Deutschland spielt eine Schlüsselrolle, etwa ein Drittel der Verteidigungs‑ und Infrastrukturinvestitionen entfällt auf den deutschen Markt (Schätzungen: ca. 190–220 Mrd. € pro Jahr inkl. Energie, Verkehr, Verteidigung).
Privates Kapital soll laut Europäischer Investitionsbank (EIB) ca. 70 % des Gesamtvolumens decken. Öffentliche Mittel und Garantien (EU‑ und nationale Programme) dienen zunehmend der Risikoabsicherung.
Der sicherheitspolitische Faktor (Rüstung, Cyberabwehr, Energieautarkie) nimmt erstmals Gewicht wie „Green Transition“ ein – ESG bleibt relevant, tritt aber als Hauptmotiv zurück.
3. Drei mittel- bis langfristigen Szenarien für das Investment-Banking
Ob und wie sich die beschriebenen Umbrüche und neue strategische Qualität der Investitionsbedarfe auf das Investment-Banking in Europa auswirken, hängt von vielen politischen und wirtschaftlichen Faktoren ab. Die folgenden drei Szenarien sind allerdings heute schon abgrenzbar:
- „Verharren“: Status Quo wird möglichst beibehalten, nur marginale Änderung.
- „Momentum“: Wachstum, bei allerdings weiterhin vorhandenen (wenn auch geringeren) Restriktionen und nur teilweise besseren Rahmenbedingungen.
- „Zeitenwende“: Wesentlich veränderte Rahmenfaktoren für Investitionen und das Investment-Banking in Europa.

Welche Auswirkungen haben die drei Szenarien auf die einzelnen Geschäftsfelder im Investmentbanking?
Szenario 1: Verharren
Im Szenario „Verharren“ bleibt der Status quo weitgehend erhalten, mit nur marginalen Änderungen. Der jährliche Investitionsbedarf in Europa beträgt weiterhin etwa 700–800 Milliarden Euro, insbesondere in den Bereichen Infrastruktur, Verkehr, Digitalisierung und Verteidigung.
Politische Barrieren verhindern jedoch die vollständige Umsetzung dieser Investitionen. Die Regulierung bleibt fragmentiert, ohne Fortschritte bei der Harmonisierung innerhalb der EU, während nationale Unterschiede dominieren. Im Vergleich dazu bleiben die USA innovations- und investorenfreundlicher. Investoren in Europa zeigen sich zurückhaltend bei langfristigen Projekten, was zu einem fortgesetzten Netto-Kapitalexport in die USA führt.
Szenario 2: Momentum
Das Szenario „Momentum“ beschreibt ein moderates Wachstum, das durch Teilreformen und gezielte Förderprogramme in Deutschland ermöglicht wird. Umsetzungshürden werden reduziert, und Infrastrukturprojekte sowie der Verteidigungssektor erfahren eine positive Entwicklung. ESG- und Green-Initiativen tragen zur Dynamik bei, werden jedoch von einer strategischen Industriepolitik überholt.
Erste Schritte zur Harmonisierung auf EU-Ebene, wie die Integration von KMU und Infrastrukturprojekten, sind erkennbar, jedoch bleiben nationale Besonderheiten und Unsicherheiten bestehen. Investoren zeigen zunehmendes Interesse an deutschen Infrastruktur- und Verteidigungsprojekten, wie Glasfaser, Schienenverkehr, Digitalisierung und Rüstung, mit einem mittelfristigen Investitionshorizont.
Szenario 3: Zeitenwende
Das Szenario „Zeitenwende“ zeichnet sich durch eine vollständige Kapitalmobilisierung für Transformations- und Wachstumsprojekte aus. Deutschland investiert bis zu 200 Milliarden Euro jährlich in Infrastruktur, Digitalisierung, Verteidigung und Innovationen, während europaweit eine umfassende Mobilisierung stattfindet.
Die Harmonisierung der Regulierung führt zu einem integrierten Kapitalmarkt mit Steuergleichheit und einheitlichem Insolvenzrecht. Ein europäischer Kapitalmarkt erleichtert Großinvestitionen und beschleunigt die Umsetzung von Infrastrukturprogrammen. Institutionelle und private Investoren zeigen großes Interesse an deutschen Projekten in den Bereichen Infrastruktur, Digitalisierung und Sicherheit, was zu einem breiten Kapitalzufluss und einem Fokus auf nachhaltiges Wachstum für Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit führt.
4. Woran würden wir einen Trend Richtung Szenario „Zeitenwende“ erkennen?
In Kern – einmal angenommen, die o.g. Umbrüche und Investitionsbedarfe würden politisch erfolgreich begleitet werden – bleibt eine Frage: Woran würden wir die Realisierung einer effektiven Kapitalmarktunion erkennen?
Eine mögliche Sicht, ihren Fortschritt zu beobachten und zu bewerten, wäre das Wahrnehmen folgender Stufen:
- Regulatorische Harmonisierung,
- Marktintegration und Ausbau der Marktinfrastruktur sowie
- Steigerung der Attraktivität für Privatkapital und Innovationen.
Stufe 1: Regulatorische Harmonisierung
- Einheitliche Kapitalmarktregulierung (Prospektrecht, Listing, Transparenz)
- Stärkung der europäischen Aufsichtsbehörden (ESMA)
- Förderung von Passporting und branchenweit gleiche Wettbewerbsbedingungen
Stufe 2: Marktintegration & Infrastruktur
- Schaffung eines effizienten europäischen Marktes für Verbriefungen, digitale Assets, grenzüberschreitende Zahlungen
- Harmonisierung der nationalen Steuer- und Insolvenzrechte
- Entwicklung eines europäischen „Safe Asset“ als Benchmark und Liquiditätsanker
Stufe 3: Steigerung Attraktivität für Privatkapitals und Innovationen
- Anreize für institutionelle und private Investoren (Europäische Altersvorsorgeprodukte, Tax Incentives)
- Attraktivität von Venture Capital, Private Equity und digitalen Plattformen für SME-Finanzierung
- Förderung von „Open Finance“ und Innovationen entlang der Wertschöpfungskette
Der Weg hin zu einer Zeitwende beginnt mit den ersten Schritten. In diesem Fall ist das Stufe 1 (Regulatorische Harmonisierung der Kapitalmärkte), die von verschiedenen Seiten immer stärker gefordert wird. Jüngste Forderungen zielen bereits auf Stufe 2 (Marktintegration & Infrastruktur).
Fazit: Europa muss handeln
Die Europäer haben es in der Hand und entscheiden, ob Finanzierung der Zeitenwende durch eine Stärkung des Investment-Banking in Europa ermöglich wird. Hier sind nicht nur der europäische oder deutsche Institutionen gefragt, auch die Unternehmen des Finanzsektors müssen eine taktische und strategische Vision für dieses Conditio-sine-qua-non entwickeln.
Das Früherkennen einer der langfristigen Entwicklungen ist möglich, u.a. durch die oben genannten Indikatoren. Aktuell ist eine Bewegung von Staat und Wirtschaft erkennbar, weg vom Szenario „Verharren“ – immerhin. Sehr bald wird auch deutlich, ob diese Bewegung eher in Richtung „Momentum“ oder gar hin zur „Zeitenwende“ des europäischen Investment-Banking zusteuert.
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