Digitale Wallets werden zur zentralen Kundenschnittstelle, aktuell von internationalen Anbietern dominiert. Mit EPI, digitalem Euro und European Digital Identity können Banken Zahlungsverkehr, Banking und Identität neu auf europäischer Basis gestalten und so den Kundenzugang sichern.

Wie Banken durch digitale Wallets neue Chancen für Kundenzugang, Datenhoheit und Wertschöpfung erhalten.
Heute erleben wir, dass Zahlungen und Banking oft in getrennten Kanälen stattfinden: Für den täglichen Zahlungsverkehr greifen viele Kunden auf spezialisierte Payment-Apps oder Wallets zurück, während sie für ihr Banking eigene Anwendungen nutzen. Diese Aufspaltung der Kundenschnittstelle hat sich in den letzten Jahren durch die Dynamik internationaler Zahlungsanbieter und digitaler Wallets noch verstärkt.
Doch bis 2035 könnte sich dieses Bild grundlegend ändern. Mit neuer europäischer (Zahlungs-) infrastruktur – wie der European Payments Initiative (EPI), dem digitalen Euro und der European Digital Identity (EUDI) – entsteht die Möglichkeit, Zahlungen und Banking wieder enger miteinander zu verzahnen. Banken könnten so ihre Rolle als zentrale Plattform für finanznahe Dienstleistungen neu definieren und Kunden integrierte, durchgängige Angebote bieten, die Zahlungsverkehr, Bankgeschäfte und digitale Identitätsdienste nahtlos vereinen.
Europäischer Zahlungsverkehr im Wandel
Der Zahlungsverkehr in Europa steht vor einem grundlegenden Wandel. Digitale Bezahllösungen, insbesondere digitale Wallets gewinnen rasant an Bedeutung und prägen zunehmend das Nutzerverhalten im Alltag, sei es am Point of Sale (PoS), im E-Commerce oder im Bereich der P2P-Zahlungen.
In Europa werden am Point of Sale heute fast die Hälfte aller Transaktionen über Karten und mobile Wallets wie Apple Pay oder Google Wallet abgewickelt. Im E-Commerce dominieren E-Payment Lösungen mit einem Marktanteil von über 70 %, häufig basierend auf Wallets internationaler Anbieter wie PayPal. Auch im Bereich der Peer-to-Peer-Zahlungen gewinnen digitale Wallets stetig an Relevanz und ergänzen klassische Bargeldtransaktionen. Internationale Anbieter prägen damit zunehmend das Nutzerverhalten, sie positionieren ihre Wallets als zentrale digitale Schnittstelle zum Kunden und integrieren dabei nicht nur Zahlungsdienste, sondern auch Loyalty- und Mehrwertservices.
Als Gegeninitiative zur Dominanz von internationalen Zahlungsanbietern sind in Europa mehrere Initiativen gestartet, die darauf abzielen, neue Grundlagen für den Zahlungsverkehr und angrenzende Services zu schaffen. Die European Payments Initiative (EPI) ist einer der bedeutendsten Ansätze, um ein einheitliches, paneuropäisches Account-to-Account-Zahlungssystem zu etablieren und die Abhängigkeit von internationalen Kartensystemen und BigTechs zu verringern. Mit dem Start der Wero-Wallet in fünf europäischen Ländern wurde ein erster Schritt getan, eine Europäische Wallet für P2P, E-Commerce und PoS-Transaktionen zu etablieren. Bis 2026 soll die Expansion auf weitere EU-Länder folgen.
Auch die Europäische Zentralbank treibt mit dem digitalen Euro ein Projekt voran, das als staatlich garantierte, digitale Ergänzung zum Bargeld konzipiert ist. Ziel ist es, den europäischen Zahlungsverkehr zu stärken und Verbrauchern eine Alternative zu bestehenden Zahlungsmitteln zu bieten mit Schwerpunkten auf Datenschutz, Offline-Fähigkeit und nahtloser Integration in bestehende Zahlungslösungen.
Ein weiterer, oft unterschätzter Baustein ist die European Digital Identity (EUDI). Mit ihr soll eine einheitliche digitale Identitätslösung geschaffen werden, die es Bürgern ermöglicht, sich europaweit sicher digital auszuweisen etwa bei Bankgeschäften, Zahlungen, Vertragsabschlüssen oder Behördengängen. Die EUDI Wallet soll als digitale Identitäts-Wallet fungieren, die von den Mitgliedstaaten anerkannt wird und interoperabel innerhalb der EU funktioniert. Die Implementierung erfolgt schrittweise bis 2027. Sie könnte zum Schlüssel für zahlreiche Anwendungsfälle im Zahlungsverkehr, der Kundenidentifikation und der Authentifizierung werden und eine wichtige Grundlage für ein europäisches Ökosystem von Zahlungs- und Identitätsdiensten bilden.
Wallet als primäre Kundenschnittstelle für Finanzdienstleistungen
Digitale Wallets sind heute einer der zentralen Zugangspunkte für den Zahlungsverkehr. Perspektivisch könnten sie sich zum bevorzugten Zugangskanal für eine Vielzahl von Finanzdienstleistungen entwickeln, weil sie als Alltagsbegleiter einfache, schnelle und integrierte Nutzung ermöglichen. Revolut oder PayPal bieten längst nicht mehr nur Zahlungsfunktionen, sondern kombinieren Wallet-Services mit Kontofunktionen, Sparprodukten, Versicherungsangeboten und mehr und vereinnahmen damit die Kundenschnittstelle.
Diese Entwicklung hat weitreichende Implikationen für Banken: Wer die Wallet als Zugang zum Kunden nicht aktiv bespielt, riskiert, direkten Kundenzugang und Zugriff auf Transaktionsdaten zu verlieren mit Folgen für Kundenbindung, Datenhoheit und Monetarisierung. Europäische Initiativen wie EPI, der digitale Euro und die EUDI-Wallet schaffen die technologische Grundlage für eigene europäische Wallet-Angebote. Für Banken bietet sich die Chance, sich auf dieser Basis neu zu positionieren mit integrierten Angeboten, die Zahlungsverkehr, Banking und Identitätsdienste verbinden und verlorene Relevanz im Alltag der Kunden zurückzugewinnen.
Strategischer Scheideweg: Optionen und Implikationen für Banken
Angesichts des digitalen Wandels im Zahlungsverkehr stehen Banken an einem strategischen Scheideweg. Der Markt wird zunehmend von Wallets und digitalen Ökosystemen geprägt. Wie können Banken in diesem Umfeld bestehen? Es bieten sich drei strategische Grundoptionen, jede verbunden mit spezifischen Chancen, Anforderungen und Risiken..
1. Aufbau eigener Wallets und Apps
Banken können eigene Wallet- und App-Angebote entwickeln, um den direkten Zugang zum Kunden zu sichern und sich als zentrale Plattform für Zahlungen, Banking-Services und Mehrwertangebote zu positionieren. Damit bleiben sie nah am Kunden, können Zahlungsdaten sowie Nutzungsinformationen für eigene Geschäftsmodelle nutzen und ihre Kundenbindung gezielt stärken. Die Öffnung der NFC-Schnittstelle auf dem iPhone erweitert beispielsweise den Spielraum für eigene Wallet-Lösungen auf bislang geschlossenen Systemen. Diese Strategie eröffnet Banken die Chance, nah am Kunden zu bleiben, Transaktionsdaten sowie Nutzungsinformationen für eigene Geschäftsmodelle zu nutzen und ihre Kundenbindung nachhaltig zu stärken. Zudem können sie so ihre Marke gezielt positionieren, neue Erlösquellen erschließen und sich im Wettbewerb differenzieren. Gleichzeitig erfordert dieser Weg jedoch erhebliche Investitionen in Technologie, Nutzererlebnis und Innovation — und verlangt die Fähigkeit, sich gegenüber FinTechs und globalen Wallet-Anbietern dauerhaft zu behaupten.
2. Integration in bestehende Wallet-Ökosysteme
Alternativ können Banken ihre Services gezielt in bestehende Wallet-Ökosysteme — etwa von BigTechs oder internationalen Plattformanbietern — einbringen. In dieser Rolle übernehmen sie Funktionen wie Zahlungsabwicklung, Compliance, Identitäts- oder Kreditservices und profitieren von der Reichweite und Skalierung dieser Plattformen. Der Vorteil liegt in einem pragmatischen Marktzugang zu neuen Kundengruppen und Transaktionsvolumen bei überschaubarem Investitionsbedarf. Gleichzeitig verbleibt der direkte Kundenzugang in diesen Partnerschaftsmodellen meist beim Wallet-Anbieter. Damit besteht die Gefahr, dass Banken auf Infrastruktur- oder Servicefunktionen mit geringen Margen reduziert werden und ihre Steuerungs- und Gestaltungsfreiheit im Kundenkontakt zunehmend verlieren.
3. Gestaltung europäischer Plattformen/Wallets
Die dritte Option ist die aktive Mitgestaltung europäischer Initiativen wie der European Payments Initiative (EPI), dem digitalen Euro und der European Digital Identity (EUID). Diese Initiativen schaffen die infrastrukturelle Grundlage für ein europäisches Ökosystem, das künftig die Integration von Zahlungen, digitalen Identitätsdiensten, Bankdienstleistungen und finanznahen Mehrwertangeboten in einer Wallet ermöglichen könnte.
Zugang zum Kunden gezielt stärken
Dadurch haben Banken die Chance, den direkten Zugang zum Kunden wieder gezielt zu stärken. Indem sie ihre Angebote in dieses integrierte Umfeld einbringen und dort präsent sind, wo Kunden ihre täglichen Finanz- und Servicebedürfnisse abwickeln, können sie sich als relevanter Partner im digitalen Alltag positionieren. Auch der Zugang zu Daten, die es in Zukunft besser zu nutzen gilt ist in diesem Zusammenhang ein wesentlicher Vorteil. Die genaue Ausgestaltung z.B. Europäische Wallet mit Bank „Innenleben“, White-Label-Infrastruktur im Banken-Front-End etc., gilt es jetzt aktiv zu definieren.
Eine gemeinsame europäische Wallet, etwa mit integrierter digitaler Identität, könnte so zum Gegenmodell zu BigTech-Plattformen werden und europäischen Banken neue Chancen eröffnen, die Kundenschnittstelle aktiv zu gestalten. Wer Zahlungsverkehr, Identitätsdienste und finanznahe Mehrwertangebote selbst orchestriert, stärkt seine strategische Unabhängigkeit gegenüber Drittanbietern, wahrt den direkten Kundenzugang und sichert sich langfristig neue Erlös- und Gestaltungsspielräume. Voraussetzung ist, diese Entwicklungen nicht abzuwarten, sondern sich frühzeitig in Aufbau und Governance solcher europäischen Ökosysteme einzubringen.
Fazit: Wallet-Strategien am Scheideweg
Banken stehen mit ihren Wallet-Strategien an einem strategischen Scheideweg: Wer künftig den digitalen Zugang zum Kunden kontrolliert, bestimmt auch über Relevanz, Datenhoheit und Wertschöpfung. Die drei Grundoptionen – der Aufbau eigener Wallets, die Integration in BigTech-Ökosysteme und die Mitgestaltung europäischer Lösungen – schließen sich grundsätzlich nicht aus. Sie können sich im Rahmen einer ausgewogenen Strategie (und gegebenen Skalen) sogar ergänzen. Entscheidend ist, dass Banken ihre Rolle im Zahlungsökosystem bewusst wählen und aktiv gestalten. Dabei sollten sie Chancen für Kundenzugang, Datenhoheit und Wertschöpfung gezielt nutzen und Infrastruktur- oder Servicerollen dort einsetzen, wo sie strategisch sinnvoll sind.
Mit Initiativen wie EPI, dem digitalen Euro und der European Digital Identity entsteht aktuell ein Europäisches Momentum, den direkten Kundenzugang auf eigene Infrastruktur zurückzugewinnen. Für Banken eröffnet sich damit die Chance, Zahlungsverkehr, Banking und Identitätsdienste ganzheitlich zu verknüpfen – und sich im Wallet-Wettbewerb als relevanter Akteur nachhaltig zu positionieren. Wer jetzt handelt, kann nicht nur mithalten, sondern gestalten.

Sandra Scherzo
Sandra Scherzo ist Koautorin des Beitrags. Die Diplom-Kauffrau ist Teil des Leadership Teams der Payment Practice von Roland Berger und verfügt über mehr als zehn Jahre Beratungserfahrung im Zahlungsverkehr. Zuvor war sie als Beraterin bei Visa und Thede Consulting tätig.
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